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08.01.2002

19:00 Uhr

HWWA sieht Talsohle der Wirtschaft erreicht – Bankvolkswirte skeptisch –Auftragsplus in der Industrie beruht auf ausländischen Orders

Keine Besserung am Arbeitsmarkt in Sicht

Der Konjunktureinbruch fällt härter aus als bisher erwartet. Ein Aufschwung mit positiven Impulsen für den Arbeitsmarkt ist nach Einschätzung führender Ökonomen erst 2003 in Sicht. Bei der Vorstellung seiner revidierten Wachstumsprognose sagte DIW - Präsident Zimmermann: "Wir durchlaufen ein tiefes Tal der Tränen."

huh/pbs BERLIN/DÜSSELDORF. Die deutsche Industrie kann sich zwar wieder über mehr Aufträge aus dem Ausland freuen. Doch ein Zeichen für die Erholung der deutschen Wirtschaft ist das Auftragsplus im November von 0,9 % gegenüber dem Vormonat nicht, so die Meinung von Bankvolkswirten.

Grund: Während die Auslandsorders um 2,2 % zulegten, ist die Inlandsnachfrage ist um 0,4 % weiter zurück gegangen. "Die Unternehmen warten mit Investitionen noch ab", kommentierte Christoph Hausen, Volkswirt bei der Commerzbank, die Daten. Bisher habe sich die Verbesserung der Stimmung lediglich in einigen Stimmungsindikatoren niedergeschlagen. Eine konjunkturelle Trendwende sei aber noch nicht in Sicht. Vielmehr gehen Bankvolkswirte davon aus, dass die Industrieproduktion weiterhin schrumpft - am Donnerstag werden die November-Daten veröffentlicht.

Die gestern veröffentlichten Konjunktur-Prognosen zweier Wirtschaftsforschungsinstitute geben folglich auch keine Entwarnung. Sie bewegen sich vielmehr auf dem Niveau der bereits im Dezember nach unten korrigierten Daten der übrigen Institute. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet für 2002 nunmehr ein reales Wirtschaftswachstum von 0,6 % und für 2003 von 2,1 %; das HWWA rechnet mit 0,6 % und 2,8 %. "Die konjunkturelle Trendwende kommt im zweiten Quartal", sagte Gustav Horn, Leiter der DIW-Konjunkturabteilung. Angetrieben zunächst von steigenden Investitionen, später auch von den Exporten, würden die Wachstumsraten deutlich zunehmen. Nach Einschätzung von HWWA-Präsident, Thomas Straubhaar, hat die Konjunktur in Deutschland jetzt die Talsohle erreicht. Der Aufschwung werde aber nur dank Impulsen aus dem Ausland zu schaffen sein.

Eine Trendwende am Arbeitsmarkt sehen beide Institut nicht. Die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen werde dieses Jahr auf 4,04 Millionen ansteigen, nach 3,85 Millionen im vergangenen Jahr. Das HWWA nennt eine Arbeitslosenquote von 9,4 % in diesem und 8,9 % im kommenden Jahr. Damit liegen die Institute deutlich über der Prognose der Bundesregierung, die für 2002 bisher von 3,89 Millionen Arbeitslosen ausgeht. Auch für 2003 sei nur mit einem geringfügigen Rückgang der Arbeitslosen auf 3,96 Millionen zu rechnen, sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann.

Scharfe Kritik übte DIW-Ökonom Horn an der Bundesregierung und der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Fiskal- und die Geldpolitik hätten zu langsam auf die rezessive Entwicklung reagiert. Horn empfahl der EZB erneut, den Leitzins kurzfristig auf 2,5 % zu senken - aktuell liegt der Zins bei 3,25 %.

Während das HWWA - anders als noch im Herbstgutachten - nunmehr keinen Spielraum für ein Vorziehen der Steuerreform sieht, rät das DIW, "kurzfristig den bisher Konsolidierungspfad zu verlassen". Auch wenn die Maastricht-Kriterien kaum Spielraum für zusätzliche Ausgaben ließen, müsse ein antizyklischer Kurs einschlagen werden. Dazu empfiehlt das DIW die Zuweisung von Investitionsmitteln des Bundes an die Gemeinden von 6 Mrd. Euro, da deren aktuelle Finanznot eine Gefahr für die Konjunktur darstelle.

Auch ohne ein Vorziehen der Steuerreform rechnen die Berliner Ökonomen für 2002 mit einer gesamtstaatlichen Defizitquote von 2,7 % des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt Deutschland gefährlich nah an der Maastricht-Grenze von 3 % - doch die hält das DIW ohnehin für einen "Konstruktionsfehler".

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