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09.02.2001

13:20 Uhr

ddp BERLIN. Deutschland ist auf der Datenautobahn vom Käfer in einen Porsche umgestiegen. Der Abstand zu den vorne weg fahrenden Nationen hat sich deutlich reduziert, aber einige drohen am Straßenrand zurückzubleiben. So lässt sich die Zustandsbeschreibung zusammenfassen, die der Chef der "Initiative D21", Erwin Staudt, am Donnerstagabend in Berlin vor Spitzen aus Wirtschaft und Politik bei einem "Plato lecture" gab. Vor zwei Jahren hatten sich führende Köpfe aus der Ökonomie unter dem Etikett "D21" zusammengeschlossen, um die nach ihrer Meinung drohende Abkopplung Deutschlands von der durch das Internet befeuerten rasanten Entwicklung zu verhindern. Inzwischen kann Staudt, Chef von IBM Deutschland, von beeindruckenden Beschleunigungsraten berichten. Im Dezember 1999 waren 10 Millionen Deutsche am Netz, ein Jahr später bereits 20 Millionen. Und 2003 rechnet Staudt mit 65 bis 70 Millionen Internet-Nutzern. Auch die deutsche Wirtschaft hat die Datenautobahn mittlerweile für sich entdeckt. Was sich im so genannten E-Business abspielt, bezeichnete der D 21-Chef als "Explosion im Netz": Der Internet-Umsatz sei nach jüngsten Untersuchungen von 2,5 Milliarden Mark Ende 1999 auf 52 Milliarden Mark Ende 2000 angestiegen. 2004 rechnet Staudt damit, dass in Deutschland Geschäfte im Wert von fast 700 Milliarden Mark per PC und Datenautobahn abgewickelt werden. Doch nicht alle werden am rasanten Umbau zur Informationsgesellschaft teilhaben. Nach einer Studie der internationalen Management-Beratung «Booz, Allen & Hamilton» drohen bis 2003 in Deutschland 21 Millionen Menschen zwischen 14 und 69 Jahren von der Entwicklung abgekoppelt zu werden. Entweder, weil sie sich keinen Internet-Anschluss leisten können oder weil sie sich der neuen Technologie verweigern. Betroffen sind vor allem Ältere, schlechter Gebildete und Bewohner ländlicher Gebiete. Die «digitale Spaltung» der Gesellschaft zu verhindern, "dafür muss ein sozial eingestellter Staat sorgen", sagte Staudt. Vor allem die Kommunen seien hier gefordert. Defizite sieht der IBM-Manager auch in der Ausbildung. An die Politiker richtete er den Appell: «Ihr könnt sparen, wo Ihr wollt. Aber Ihr dürft zuletzt sparen bei der Investition in die Zukunft unserer Kinder.» Möglichst schon im Kindergarten müssten sie an die Welt der Computer und der digitalen Medien herangeführt werden. Der Mangel an EDV- und IT-Spezialisten in Deutschland wird nach Staudts Prognose in den nächsten Jahren noch zunehmen. Einem jährlichen Bedarf von 20.000 Wirtschaftsinformatikern ständen derzeit rund 8.000 Hochschulabsolventen gegenüber. In den nächsten Jahren werde ihre Zahl sogar auf 6.000 sinken. Staudt: "Wir kämpfen im Moment um jedes Talent." Als große Chance schätzt der Konzernchef die Erweiterung der Regierungsgeschäfte durch das so genannte E-Government ein. Durch das Internet könnten aus Betroffenen Beteiligte werden. Beispielhaft dafür sei die Diskussion des Entwurfs für ein neues Datenschutzgesetz im Internet. Dieses "öffentliche Brainstorming" sei wegweisend für die Zukunft, glaubt Staudt. Mit der Novellierung des Gesetzes verbindet er auch die Hoffnung auf hohe Einsparungen. «Das Datenschutzgesetz wortgetreu zu erfüllen, kostet uns wahnsinnig viel Geld», sagte der Firmen-Boss, dort gebe es "ungeheure Ressourcen». Ein Beispiel sei das Verbot, Daten wie die Blutgruppe auf den Chipkarten der Krankenversicherten zu speichern. Nach Ansicht von Experten könnten ein Prozent der Gesundheitskosten gespart werden, wenn dieses Verbot fällt. "Das sind drei Milliarden Mark", sagte Staudt, "und wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, ließen sich bestimmt sogar zehn Prozent sparen."

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