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28.04.2003

11:17 Uhr

Ikone Carolin Reiber tritt zurück

Schwere Zeiten für Freunde der Volksmusik

Für die Freunde der Volksmusik in Deutschland brechen schwere Zeiten an. Denn in Zukunft wird es für sie immer schwieriger, ihre Stars im Fernsehen zu bewundern. Die ARD kündigte kürzlich an, ihre Volksmusik-Sendungen eindampfen zu wollen.

HB/dpa HAMBURG. Die Ikone des "Grand Prix der Volksmusik", Carolin Reiber, tritt ab, über dem "Musikantenstadl" mit Karl Moik schwebt das Schwert des Damokles. Die deutschen Plattenfirmen sind schon in Alarmbereitschaft: Denn die Vermarktung von Volksmusikstars wird durch diese Entwicklung immer schwieriger.

"Die Kürzungen der volkstümlichen Musiksendungen hat für uns natürlich zur Folge, dass unseren Künstlern und deren Produkten immer weniger Präsentations-Möglichkeiten geboten werden", sagt Doris Kormann, Sprecherin von Koch Universal. "Das ist so, als ob man den deutschen Hip-Hoppern erklären müsste, es gäbe kein MTV und Viva mehr", gibt Oliver Opitz, Pressechef von BMG Ariola, zu Bedenken. Bislang werde die Entwicklung noch relativ entspannt abgewartet - sollte sie sich fortsetzen, wäre das aber "bedauerlich".

Volksmusik habe rund 60 Prozent Anteil am Gesamtangebot von Koch Universal, beim Umsatz liege der Anteil bei rund 55 Prozent, sagt Kormann. Der Volksmusik-Bereich sei im Vergleich zum Pop-Bereich ein ungleich stabilerer Markt. Etablierte Künstler hätten stets eine große Zahl an langjährigen und treuen Fans, so dass der Markt nicht den Schwankungen der Pop-Industrie unterworfen sei - auch wenn Koch Universal derzeit leichte Einbußen hinnehmen müsse.

Der Anteil der Volksmusik am gesamten deutschen Plattenmarkt ist jedoch nach Angaben des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft relativ gering - von den rund 2 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr lag er nur bei 1,8 Prozent. Rock und Pop machten etwa 60 Prozent aus. Fernsehsendungen seien für die Branche allerdings enorm wichtig, sagt Verbandssprecher Hartmut Spiesecke: Von den zehn meistgesehenen Musiksendungen widmeten sich acht der Volksmusik. Auch die Quoten seien mit durchschnittlich fünf bis sechs Millionen Zuschauern relativ hoch. Volksmusik werde viel mehr als andere Stilrichtungen über das Fernsehen konsumiert.

Das allerdings wird schon ab Herbst schwieriger: Dann will die ARD am Montagabend keine Volksmusiksendungen mehr ausstrahlen. Volksmusik soll zwar weiter im Ersten erklingen - allerdings nur noch in einigen Shows in der Sommerpause 2004. Die Einschaltquoten der Sendungen seien kontinuierlich zurückgegangen, begründete die ARD den Schritt.

Das ZDF dagegen will weder Zahl noch Dauer der Volksmusiksendungen kürzen. Mit der von der ARD abgeworbenen Carmen Nebel soll das Angebot "ein bisschen farbiger" werden, sagt ZDF-Sprecher Peter Gruhne - in ihrer Sendung sollen die Zuschauer allerdings auch Schlager zu hören bekommen. Die Sendungen im ZDF seien mit durchschnittlich 4,5 Mill. Zuschauern und einem Marktanteil von 15 Prozent auf "einem kontinuierlich gutem Niveau".

Einige Volksmusik-Moderatoren gehen nun bereits auf die Barrikaden. Die Moderatorin der "Musikantenscheune", Petra Kusch-Lück (54), kritisierte vor kurzem in der Zeitschrift "Super Illu" die Entscheidung der ARD-Spitze. "In 32 Fernsehjahren ist es mir nie zuvor passiert, dass ich das Gefühl hatte: Die Chefs schämen sich für meine Sendung", sagte Kusch-Lück. Für das Publikum, das die Sendungen liebe, interessiere sich keiner. Auch Karl Moik, der seit insgesamt 22 Jahren den "Musikantenstadl" moderiert, verbittert die Entwicklung. "Alles ist möglich", sagt er. "Eines steht aber fest: Der Stellenwert der Unterhaltung bei der ARD steht ganz unten." Er wundere sich nur, was sich der Zuschauer alles gefallen lasse.

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