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19.01.2003

21:23 Uhr

Im Ausland ist das Televoting bereits gängige Praxis

Aktionäre stimmen künftig elektronisch ab

VonChristian Schnell

Künftig soll die Abstimmung auf Hauptversammlungen zügiger über die Bühne gehen. Statt mühsam erhobene Händen zu zählen, erfasst ein Computer das abgegebene Votum und wertet dieses aus.

FRANKFURT. Es ist zwar noch gut ein Vierteljahr hin, bis die Zeit der Hauptversammlungen beginnt. Doch schon jetzt zeichnet sich mancherorts eine wesentliche Änderung gegenüber früheren Jahren ab: Die altgediente Stimmrechtskarte hat ausgedient. Sie wird durch die elektronische Abstimmung per Televoter ersetzt. Wesentlicher Vorteil des neuen Systems: Die Stimmabgabe kann schneller und zuverlässiger ausgewertet werden. Bisher mussten oft Tausende von Stimmrechtskarten eingesammelt und anschließend ausgezählt werden. Mit dem elektronischen System steht das Votum der Aktionäre in weniger als einer Minute fest.

Der Televoter ist ein Handy-großes Gerät, das zusammen mit der persönlichen HV-Karte an die Aktionäre am Eingang zur Hauptversammlung verteilt wird. Dann nur noch die Karte, auf der die Anzahl der stimmberechtigten Aktien gespeichert ist, in den Televoter stecken - schon ist das System betriebsbereit.

Die vom IBM-Partner Feedback Interactive Systems Italia entwickelten Geräte sind ausgerüstet mit einer Ja-, einer Nein- und einer O.K.-Taste zum Bestätigen der Antwort. Während die Technik bereits in Ländern wie den USA, Frankreich, Italien und dem gesamten skandinavischen Raum zum Standard bei Hauptversammlungen gehört, feierte sie ihre Deutschland-Premiere erst im vergangenen Herbst bei der Hauptversammlung von Leica Camera in Wetzlar.

Große Namen wie Axa, Credit Suisse, Fiat Group oder Société Generale setzen das System seit Jahren ein. Einer der stärksten Befürworter des Televotings ist der ehemalige Bundeswirtschaftsminister und Dresdner Bank-Vorstandschef - Hans Friderichs. Er lernte das System in Frankreich bei Schneider Electric kennen, wo er als Aufsichtsrat fungiert. "Wir hatten dort eine Hauptversammlung mit zahlreichen Satzungsänderungen und sonstigen Kapitalmaßnahmen, bei der wir stets umgehend über die Ergebnisse verfügen konnten", sagt Friderichs.

Wie es aussieht, steht die Technik nun auch in Deutschland vor dem Durchbruch: So soll der Televoter in diesem Frühjahr bei mehreren HV zum Einsatz kommen, heißt es bei Haubrok Corporate Events, die sich auf das Ausrichten der Veranstaltungen spezialisiert haben. Für das kommende Jahr wird erwartet, dass auch erste Dax-Unternehmen den Televoter für ihre HV nutzen werden.

Bei der Leica- Hauptversammlung waren bereits etliche Vertreter von Dax- und M-Dax-Unternehmen vertreten, um sich das System in der Praxis anzuschauen. Konkurrenten hat der Hersteller Feedback in Deutschland nicht. Die Hamburger Firma Activate, die an der Entwicklung eines vergleichbaren Systems gearbeitet hat, musste vor kurzem Insolvenz anmelden.

"Je größer die Hauptversammlung, umso effektiver die Wirkung", sagt Bernhard Orlik von Haubrok Corporate Events. Das System arbeitet denkbar einfach: Zur Abstimmung wird ein nach außen abgeschottetes Funknetz für einen bestimmten Zeitraum aktiviert. Wurde ein Votum abgegeben, ordnet eine angeschlossene Datenbank die Stimme anschließend dem jeweiligen Aktienpaket zu. In Windeseile ergibt sich so das Ergebnis. Bei der nächsten Abstimmung wiederholt sich das Prozedere.

Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, dass es sich bei der Abstimmung per Televoter um ein so genanntes Additionsverfahren handelt, bei dem die Ja-Stimmen gezählt werden. Während beim bisherigen Verfahren via Stimmkarte das Subtraktionsverfahren angewendet und die Nein-Stimmen addiert werden.

Tests haben bewiesen, dass die Technik sicher ist. Experten der Universität Turin haben vergeblich versucht, das System zu knacken. Auf einen Austausch der HV-Karten zwischen den Televotern reagiert das System mit Fehlermeldung. Das System, das pro Tag rund 4 000 Euro Miete kostet, könnte sich auch für Abstimmungen auf Parteitagen rechnen. Dort wird heute noch bis zu einem Drittel der Zeit mit Abstimmen und Auszählen verbracht.

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