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02.01.2005

00:34 Uhr

Im Gespräch: Adolf Muschg

"Ich beneide die Deutschen um ihre historische Lage"

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hofft, dass Deutschland seine Beziehungen zu den Osteuropäern ebenso ernst nimmt wie die Aussöhnung mit Frankreich.

Adolf Muschg wurde 1934 im Schweizer Kanton Zürich geboren. Seit 1970 ist er Professor für deutsche Sprache und Literatur. Verschiedene Auslandsaufenthalte verarbeitete er in seinem ersten Roman "Im Sommer des Hasen", den er im Jahr 1965 veröffentlichte.

Es folgten zahlreiche weitere Werke, für die er mit mehreren hohen nationalen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Sein vielleicht wichtigster Roman ist "Der rote Ritter", eine Parzival-Adaptation.

Adolf Muschg ist einer der seltenen Grenzgänger, die sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik betätigt haben, unter anderem in der schweizerischen Verfassungskommission. 2004/05 hält er die Krupp-Vorlesungen in Essen zum Thema "Was ist europäisch?".

Seit 1976 ist Muschg zudem Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin, 2003 wurde er zu ihrem Präsidenten gewählt.

Die EU war 2004 im Umbruch: Im Frühjahr wurden zehn neue Mitglieder aufgenommen, zum Ende des Jahres kam das Angebot von Beitrittsverhandlungen an die Türkei. In welcher Verfassung sehen Sie Europa - verunsichert oder gestärkt?

Muschg : Das Ganze hat etwas Phantastisches, fast Surreales. Kein Mensch hat daran gedacht, dass die aus den Trümmern des Sowjetimperiums entstandenen Staaten nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig und kulturell in einem Maße mobil werden, das die Länder des alten Kerneuropa vor die Verlegenheit eines Überangebots stellt.

Wie kann die EU das bewältigen?

Muschg : Zehn oder zwanzig Jahre sind eine kurze Zeit für ein Integrationsprojekt dieser Größenordnung, es wäre merkwürdig, wenn man sich da gleich richtig "zu benehmen" wüsste. Die Deutschen laborieren bis heute an den Folgen ihrer eigenen Vereinigung. Ähnlich lange wird es in Europa dauern. Es gibt ein wirtschaftliches Gefälle, und ich fürchte, ein noch viel größeres Informationsgefälle, aber in der Gegenrichtung: Die Esten und die Ungarn wissen sehr viel besser über die Franzosen und Iren Bescheid als umgekehrt.

Und wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den möglichen Beitritt der Türkei?

Muschg : Vieles von dem Diskurs über die Türkei ist ungetrübt von einer historischen Tiefenkenntnis. Man kommt jetzt in die merkwürdige Lage, dass man Europa topografisch kaum begrenzen kann. Hätten Sie mich vor vier Wochen gefragt, ob die Ukraine dazugehört, dann hätte ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: Alles müssen wir nicht verdauen. Jetzt wissen wir: Die große Menge der Ukrainer orientiert sich so deutlich nach Westen, dass man hier fast den zwingenderen Beitrittskandidaten erkennen kann als in der Türkei.

Kann man Europa denn kulturell umgrenzen?

Muschg : Bestimmte Eigenschaften sind typisch: Die Trennung der Politik vom Glauben haben wir konsequenter als andere Kulturen durchgeführt. Das ist die Basis unseres Selbstverständnisses und der daraus entwickelten Werte. Dann gehört dazu, sich einer gemeinsamen Geschichte bewusst zu sein, einer Geschichte der Trennungen, der Kriege und nationalen Sonderwege, die in Katastrophen wie der von 1945 mündeten - was eine abnehmende Rolle spielt, weil dieses Bewusstsein, dass die Menschheit sich fast selber ausgelöscht hätte, nicht beliebig verlängerbar ist. Heute ist die Eigenbewegung Europas zu einem Imperativ geworden, und wir wissen nicht - weil es keine Vorbilder gibt - wie wir uns selbst definieren sollen.

Weil die EU eine Wertegemeinschaft ist, kann sie Länder nicht ablehnen, die sich ihren Werten anschließen?

Muschg : Die EU ist zu groß und zu mächtig, um eine politisch neutralisierte Einheit zu sein. Wäre die Türkei dabei, dann hätte man gemeinsame Grenzen mit Syrien, dem Irak, hätte eine Hand in der Krise drin. Aber natürlich ist es Augenwischerei, so zu tun, als würde uns gegenwärtig das bisschen topografische Distanz, das wir noch haben, vor diesen schwierigen Zerreißproben bewahren. Meine persönliche Priorität ist aber einfach: Solange wir den Balkan nicht aufgeräumt haben, der eindeutig auf Europa bezogen ist, muss anderes zurückstehen.

Sehen Sie nicht die große Gefahr, dass sich der europäische Gedanke bei dem ungeheuren Entwicklungstempo recht schnell verlieren wird?

Muschg : Das Interessante ist ja, dass sich dieser Gedanke jetzt erst zu konkretisieren beginnt. Früher konnte sich jede Nation als Glied eines weitgehend virtuellen Europas sehen. Europa hat politisch nicht verpflichtet als Begriff. Die Definition dessen, was Europa ist, will und kann, muss aber jetzt von der Politik getroffen werden. Gegenwärtig erlebt man Brüssel fast nur als Globalisierungsagentur, es hat sich bislang zu sehr im Normieren einerseits, Ermöglichen von Wettbewerb andererseits erschöpft.

Hat der Konflikt um die Ernennung der neuen EU-Kommission nicht einen Sprung in der Politisierung der EU bedeutet?

Muschg : Absolut. Dass Brüssel beziehungsweise Straßburg Normen aufstellt, nach denen ein bestimmter Staatsmann in Europa nicht akzeptabel ist, das ist unerhört neu. Und dass selbst ein alter Opportunist der Macht wie Berlusconi, der sonst mit allem durchkommt, ihn zurückziehen musste, das ist noch neuer.

Sie sind zuversichtlich, was die Fähigkeit Europas angeht, neue Kraft für die Integration zu schöpfen?

Muschg : Jedenfalls bietet sich eine Chance der europäischen Geschichte, und wir müssen uns auf ihrer Höhe zeigen. Aber ich bin gespalten in anderer Hinsicht: Ich wünsche mir ein Europa, dass nicht allzu viel Abgrenzung für die eigene Identität nötig hat. Ich stelle es mir vor als einen Versuch verschiedener föderierter Zivilgesellschaften, im politischen Wettbewerb miteinander Modelle guten Zusammenlebens, der Lösung menschlicher Grundprobleme zu vergleichen. Ein bisschen wie das altgriechische Bündnis selbstständiger Städte. Im Grunde ist für mich Europa nur haltbar als Entwurf für eine erträgliche Weltgesellschaft.

Frage: Kann man so etwas wie eine europäische Identität begründen?

Muschg : Ich hätte größte Mühe damit. Eigentlich gibt es wohl keine Kultur auf der Welt, die nicht Anstoß für eine Entwicklung gegeben hat, die wir mittlerweile als rein europäisch empfinden. Das gilt am stärksten für den Islam. Von der Überlieferung der Antike bis hin zu Minneliedern könnten wir alles vergessen, was uns als ureuropäisch gilt, hätte es nicht die damals überlegene Kultur des Islams gegeben. Der Islam ist einmal eine Schutzzone europäischer Kultur gewesen.

Gilt das nicht für die Trennung von Politik und Religion?

Muschg : Ja, der Islam in dieser Zeit hat das praktiziert. Er hat es erlaubt, eine kulturelle Sphäre unabhängig von der religiösen zu pflegen. Diesen Freiraum haben kultivierte islamische Gesellschaften immer gekannt, die iranische wie die ägyptische. Der Fundamentalismus, den wir heute erleben, ist keine dem Islam eingeborene Gefahr - sonst wären auch wir heute noch Hexenverbrenner und Kreuzzügler.

Religion verträgt sich mit Toleranz?

Muschg : Der existenzielle Anspruch einer Religion muss nicht bedeuten, dass ich Recht habe und du Unrecht. Das ist der schwierigste Schritt überhaupt: Das Andere als Anderes gelten zu lassen. Das kann man nur, wenn man gelernt hat, mit der Differenz bei sich selber zu leben.

Wenn wir Sie richtig verstehen, verliert Europa sich nicht zwangsläufig, wenn es größer wird?

Muschg : Im Gegenteil. Europa verliert sich nur, wenn es zu einer rein quantitativen Größe wird, dann ist nicht einzusehen, warum es anders sein soll als Australien oder Amerika.

Aber schon wegen der Osterweiterung fühlen beispielsweise viele Franzosen sich in der EU nicht mehr heimisch, sie fürchten den Verlust der Gemeinschaft, die sie wollten, und auch, dass vor allem Deutschland gestärkt wird. Untergräbt das die deutsch-französische Kooperation zu Gunsten der europäischen Integration?

Muschg : Natürlich ist das ein Risiko. Die alten Gegensätze scheinen wieder hochzukommen. Denken Sie aber auch an die deutsche Einkreisungsneurose, mit der Wilhelm der Zweite so erfolgreich Propaganda gemacht hat: Wir gegen die ganze Welt. Zu den Hauptakteuren dieser befürchteten Bedrängnis gehörten Frankreich und Polen, das war die Zange, deshalb brauchte das deutsche Kaiserreich Russland - die Russland-Politik ist ja auch eine Konstante der deutschen Europa-Politik. Ich beneide die Deutschen manchmal um ihre historische Lage: Sie können heute lernen, auf Klavieren, die immer noch dastehen, andere Melodien zu spielen. Es muss diesmal keine Marschmusik sein.

Aber was bedeutet das für unser heutiges Verhältnis zu Frankreich?

Muschg : Für Deutschland müsste ganz oben auf der Agenda stehen, dieses unglaubliche Versöhnungswerk mit Frankreich nicht zu gefährden. Den Franzosen ist es schwerer gefallen als den Deutschen, denn für die Täternation war es verlockend, nach Europa zu fliehen. Die Befürchtungen könnte Deutschland dadurch entkräften, dass es die neuen Mitgliedstaaten ernster nimmt als alle anderen, dies als eine historische Aufgabe begreift, ähnlich wie die Aussöhnung mit Frankreich.

Das würde Frankreichs Misstrauen überwinden?

Muschg : Wenn man Frankreich mitnimmt, kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Narbe wieder aufreißt. Deutschland wächst eine ungeheure Rolle zu, eine gleich intelligente Politik nach Osten zu gestalten wie die, die nach Westen betrieben wurde. Nur wird sie schwerer zu bewerkstelligen sein, weil nicht Positionen gleicher Stärke aufeinander treffen. Und gleichzeitig muss ich feststellen: Die Opfer der deutschen Aggression tragen der deutschen Kultur nicht nur nichts nach, sondern haben heute eine Liebe und Kenntnis der deutschen Kultur und Vergangenheit, die ich den Deutschen nur wünschen möchte. In den 60er-Jahren ist zu viel aus den Lehrplänen gekippt worden, was zur eisernen Ration des Selbstverständnisses gehört.

Können Sie mit der immer wieder kurz aufflammenden Patriotismus-Debatte in Deutschland etwas anfangen?

Muschg : Ich halte es nicht nur für einen Schaden, wenn die nationalen Töne wieder gedeihen. Der Mensch ist ein Tier, das den Bezug zum Nahbereich braucht. Die Bedürfnisse unseres Großhirns und unseres Stammhirns stehen offenbar in einem Spannungsverhältnis. Das Territorialverhalten, der Revierreflex, ist uns nicht auszutreiben in den paar tausend Jahren, die wir zivilisiert herumlaufen. Alles, was so gründlich verdrängt und tabuisiert wurde wie die Nationalität in Deutschland, das schreit nach Anerkennung. Irgendwann musste man auch die deutschen Bombenopfer betrauern, nicht im Sinne eines Aufrechnens. Man sieht diese Veränderung an so vielen Phänomenen, auch beispielsweise an der Rezeption von Bruno Ganz Hitler-Figur im Film "Der Untergang".

Gibt es für Sie eine historische Logik darin, dass dieser Film jetzt gedreht wurde?

Muschg : Er wäre vor zehn Jahren weniger oder gar nicht möglich gewesen. Man hat heute nicht nur die Option, Hitler dauernd zu dämonisieren und damit zu seiner Faszination beizutragen. Wir müssen versuchen, diese schwarzen Götter nicht zu exkommunizieren, sonst spuken sie ewig. Damit sie mich nicht missverstehen: Hitler hat uns nichts zu sagen, aber unser Verhältnis zu ihm hat uns etwas zu sagen.

Zurück zu Osteuropa: In Deutschland ist die Einkreisungsangst abgelöst worden von einer Angst vor wirtschaftlichem Niedergang wegen der Osterweiterung.

Muschg : Jede Angst hat eine rationale und eine irreale Komponente. Die deutsche Größe wird von den Deutschen offenbar nicht als solche empfunden, sondern als Last: Was müssen wir jetzt alles nach Osteuropa hineinpumpen, was kostet uns das. Das ist die irrationale Seite. Aber Polen beispielsweise hat zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten die Chance zu zeigen, was es kann, und wird sie schon ergreifen. Deutschland dagegen, ich sage es ungern, weil ich die wirtschaftliche Logik nicht furchtbar gern übernehme, ist aus der Perspektive eines Ausländers schon eines der Länder, in denen man am bequemsten arbeitet. Das Klischee von früher, den Deutschen sei vor lauter Arbeit nicht mehr zu helfen, gilt nicht mehr.

Das Gespräch führten Thomas Hanke und Christoph Birnbaum.

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