Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.02.2001

19:00 Uhr

Im Handball müssen selbst die Spitzenverdiener für die Zukunft vorsorgen

Daniel Stephan: Torjäger auf dem Aktientrip

VonPETER HEINACHER

Noch bis vor 10 Jahren gaben Halbprofis in der Handball-Bundesliga den Ton an. Die Zeiten haben sich verändert: Heute kommen die besten Handballer auf 400 000 DM Gehalt im Jahr - netto.

LEMGO. Die Schlacht ist geschlagen, die Handball-Helden des TBV Lemgo ziehen abgekämpft aber zufrieden in ihren schweißnassen Trikots vom Spielfeld. Natürlich ist unter der Dusche das gerade beendete Spiel Gesprächsthema Nummer eins - die ausgelassenen Torchancen, die katastrophale Leistung der Schiedsrichter, die weiblichen Fans. Aber schon zwei Stunden später beim gemeinsamen Abendessen geht es um andere Themen: Wie sorge ich für die Zeit nach der Handballkarriere vor? Wo steht der Dax? Was macht die Wall Street? Welche Börsenneulinge tummeln sich am Neuen Markt? Kein Zweifel: Die Aktie ist in - auch bei den Elitehandballern.

Einer von denen, die sich mit diesen Fragen besonders intensiv beschäftigen, ist Daniel Stephan, gegenwärtig neben dem Magdeburger Stefan Kretzschmar der einzige deutsche Weltklasse-Handballer. Der ehemalige Rheinhausener und heutige Spielgestalter und Torschütze vom Dienst beim TBV Lemgo zählt zu den Spitzenverdienern seiner Zunft. Diese bringen es auf ein Jahreseinkommen von 400 000 DM, manche gar auf 480 000 DM - netto versteht sich. Das ist eine ganze Menge Geld. Vergleicht man aber die Gehälter der Handball-Stars mit denen der Fußballer, so relativieren sich diese Zahlen erheblich. Und doch: Stephan ist zufrieden. Zu seinem gut dotierten Vertrag mit dem TBV Lemgo kommen noch Einnahmen aus einem Sponsorvertrag mit dem Sportartikelhersteller Nike. Zudem hat er mit dem Unternehmen Con-Sport einen Handball "Daniel Stephan" herausgebracht. "Das sind bisher die einzigen Werbeverträge - ich hoffe, es kommt der ein oder andere in absehbarer Zeit hinzu." Dabei setzt Stephan auf die Unterstützung von Thomas Kroth, einem ehemaligen Fußball-Profi, der jetzt als Berater tätig ist.

Stephan weiß nur zu gut, daß seine Handball-Karriere in sieben, acht Jahren zu Ende sein wird und daß sich seine Einkommensverhältnisse grundlegend ändern werden. "Im Gegensatz zu den Fußball- oder Tennisprofis kann ich mich nicht zur Ruhe setzen, wenn ich die Handballschuhe an den Nagel hänge," meint der 25jährige, 1,98 m große Athlet ("Ich komme gerade noch so durch die Tür"). Daher ist für ihn das Thema Geldanlage nicht nur "spannend", sondern eine Pflicht: "Ich muß mich auch damit beschäftigen, um mir nach meiner aktiven Zeit als Handballer eine solide finanzielle Grundlage zu schaffen."

Der Handballer, der bei seinen rund 100 Einsätzen für die Nationalmannschaft weit mehr als 350 Tore erzielt hat, legt sein Geld "betont konservativ" an: "Mein Motto lautet streuen." Festverzinsliche Papiere, eine Immobilie ("Das hatte sicherlich auch steuerliche Gründe"), Lebensversicherungen - Stephan geht auf Nummer sicher. Eine Leidenschaft kann Stephan allerdings nicht leugnen: Aktien wirken auf ihn "einfach anziehend". Den Verlauf der Kurse verfolgt er täglich - in Zeitungen, Fachzeitschriften und im Fernsehen. An die Tips der Börsengurus glaubt er aber "nur bedingt". Denn: "Ich will die Unternehmen, in die ich investiere, möglichst genau kennen. Auch wenn ich mich von einer Bank beraten lasse - letztlich bin ich für die Anlage verantwortlich."

Demnächst wird Stephan noch näher am Börsengeschehen sein, wenn er in seiner Wohnung via Internet direkt das Auf und Ab der Kurse beobachten kann. Der Handballprofi wirkt schon jetzt fast wie ein alter Börsenhase. Kein Wunder: Der Spitzensportler hat eine Sparkassenausbildung hinter sich - drei Monate brachte er in der Wertpapierabteilung zu. "Das war das Schlüsselerlebnis in Sachen Aktien," meint der Hüne rückblickend.

Nicht nur beim TBV Lemgo, auch in der Nationalmannschaft geht das Aktienfieber um. Stephan hat dort Gleichgesinnte. Mit Co-Trainer Bob Hanning und Physiotherapeut Peter Gräschus tauscht er sich regelmäßig aus. "Ab und zu investieren wir auch mal in spekulativere Werte. Aber der bei weitem größte Teil ist in Blue Chips angelegt."

Über derartige Anlagestrategien mußten sich frühere Handballer-Generationen keine Gedanken machen. "Von den heutigen Gehälter konnten wir damals nur träumen," meint der inzwischen 37jährige Andreas Thiel, mit mehr als 250 Länderspielen im Tor der Nationalmannschaft einer der erfolgreichsten Handballer der Republik. Als Thiel 1979 zum VfL Gummersbach wechselte, mußte er sich mit einer Aufwandsentschädigung von 700 DM begnügen - plus Auto und einer kleinen Wohnung, die er mit einem Kameraden teilte. Bis Mitte der 80er Jahre stieg sein Gehalt auf 4 000 DM netto im Monat ("Ich war nie gut beim Verhandeln"). Wohlgemerkt: Thiel, der heute noch für den Zweitligisten Bayer Dormagen zwischen den Pfosten steht, zählte damals zu den besten Torhütern der Welt.

"Natürlich habe ich damals gespart - für die Zeit nach der Handball-Karriere," sinniert Thiel. Aber allzu viel ist dabei nicht übriggeblieben. "Den größten Teil habe ich als Anzahlung in mein Reihenhaus im Kölner Süden gesteckt. Für die Anlage in Wertpapiere reichte das nicht." Immerhin hat er sein Jura-Studium trotz der Beanspruchung durch den Hochleistungssport relativ zügig durchgezogen. "Das war meine Altersabsicherung." Der Verein unterstützte ihn bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. "Die Eintrittskarte in den Beruf - das war alles, was meiner Handballergeneration in der Regel von den Vereinen als Anreiz geboten wurde," meint der auf Arbeitsrecht spezialisierte Kölner Anwalt.

Auch Aktienfan Stephan bereitet sich auf das Leben nach dem Handball vor. Derzeit studiert er an vier Tagen in der Woche Sportwissenschaften in Bielefeld. "Ich kann mir vorstellen, später als Berater oder Manager für einen Verein oder Verband zu arbeiten." Auch einer Tätigkeit in der Marketing-Abteilung eines großen Unternehmens wäre er nicht abgeneigt - Schwerpunkt Sportmarketing, versteht sich. Und eines ist für ihn ohnehin klar: "Die Börse bleibt für mich spannend."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×