Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.01.2003

08:06 Uhr

Immer mehr deutsche Fondsgesellschaften bieten nachhaltige Produkte an

Moral wird zum Geldmagneten

VonKathrin Quandt

Die Zahl nachhaltiger Fonds steigt in Deutschland kontinuierlich an - fast alle großen Fondsgesellschaften bieten derzeit Anlagen mit dem Etikett "ökologisch und ethisch wertvoll" an. Experten sehen gute Absatzchancen. Dagegen seien "Sündenfonds", die in Rüstung, Tabak und Alkohol investieren, nur ein Marketinggag.

FRANKFURT/M. "Moral verkauft sich zurzeit gut", sagt Gerd Bennewirtz, Geschäftsführer des Finanzdienstleisters SJB FondsSkyline aus Korschenbroich. Anleger setzen verstärkt auf nachhaltige Investments - und die Emittenten begeben fleißig neue Produkte.

Die Definition des Begriffs Nachhaltigkeit ist in der Fondsbranche nicht einheitlich: Einige Gesellschaften bestimmen Ausschlusskriterien und investieren beispielsweise nicht in Unternehmen, die Geld mit Tabak, Alkohol oder Rüstung verdienen. Andere definieren Positivkriterien und investieren nur in bestimmte Branchen wie Windkraft oder Umwelttechnologie. Vor allem in den Jahren 2000 und 2001 wurden nachhaltige Fonds aufgelegt.

Laut Eurofonds Datenbanken, Korschenbroich, decken mittlerweile fast alle großen deutschen Fondsgesellschaften diese Investments ab, nur die Deka hat keine eigenen Fonds im Angebot. Zwar seien in den letzten Monaten erste Fonds unter anderem wegen eines zu geringen Fondsvolumens geschlossen worden. Doch neue Produkte rücken nach. Nach Schätzungen des Forums für nachhaltige Geldanlagen waren Ende 2001 rund 2,4 Mrd. Euro in Ökofonds investiert - das war ein Zuwachs von rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr und etwa das Vierfache des Anlagevolumens 1999. Wie das Researchinstitut Imug aus Hannover berichtet, belief sich das Volumen nachhaltiger Fonds, die in Deutschland erhältlich sind, Ende September 2002 bereits auf 2,6 Mrd. Euro. Allerdings machen diese Fonds nach Angaben von Imug nur etwa 0,7 Prozent des deutschen Fondsmarktes aus.

Vorreiter auf diesem Gebiet sind weiterhin die USA. "Dort fließt fast jeder zehnte Dollar mittlerweile in nachhaltige Anlagen," stellt Hendrik Garz von WestLBPanmure fest. Aus den USA kommt allerdings auch die gegenläufige Entwicklung: "Sin Fonds", also Fonds, die bewusst mit dem Etikett "unmoralisch" werben und in Sektoren wie Rüstung, Glücksspiel, Alkohol und Tabak investieren. Prominentestes Beispiel ist der "Vice-Fund" der US-Fondsgesellschaft Mutual, der in Deutschland und Österreich nicht zum Vertrieb zugelassen ist.

Hier zu Lande hat noch keine Fondsgesellschaft versucht, mit dem Etikett "sündig" Anleger zu locken. Viele Experten sehen solche Produkte ohnehin nur als Marketinggag an. Denn bis auf eine Ausnahme finden sich alle Top-Ten-Werte des Vice Funds auch in "harmlosen" Aktienfonds, hat etwa Gerd Bennewirtz beobachtet. Auch der Fonds "Axa Welt" enthält beispielsweise Anheuser-Busch, Philip Morris und die Glücksspielaktie Harrah?s Entertainment. Christoph Butz von der Schweizer Privatbank Pictet hält die "Lasterfonds" für "zynisch", glaubt aber, dass die Emittenten durchaus genügend Interessenten finden, die auf satte Gewinne hoffen: "Geraucht, getrunken und gespielt wird immer." Christoph Kadner von Lazard Asset Management (Deutschland) GmbH geht sogar noch weiter: "So ein Lasterfonds spiegelt einen gesellschaftlichen Trend wider: die Gier. Reich werden - egal wie - wird heutzutage als Ideal angepriesen." Doch auch Kadner hält die Lasterfonds für eine "Modeerscheinung" und sieht kein großes Potenzial für Lasterfonds.

Ethisch verantwortliches und prinzipiengeleitetes Investieren habe dagegen eine lange Tradition, wie Hendrik Garz von WestLB Panmure erläutert. Schon im viktorianischen Zeitalter achteten die Quäker bei ihren Anlagen darauf, Sklaverei und Waffenproduktion nicht zu fördern. Vor etwa zwanzig Jahren sei dann eine Ausweitung prinzipiengeleiteter Investments auf den Umweltbereich festzustellen, nicht zuletzt getrieben durch Katastrophen wie den Giftskandal von Seveso. In Deutschland und anderen kontinentaleuropäischen Ländern wie Frankreich und Spanien gebe es noch großes Nachholpotenzial für nachhaltiges Investieren, sagt Garz. Wegen des Trends zur privaten und betrieblichen Altersvorsorge sieht er die Chance auf eine weiter steigende Nachfrage - und gute Absatzchancen für die Emittenten.

Umfragen belegen ein hohes Interesse der Investoren: Nach einer Emnid-Untersuchung aus dem Jahr 2000 haben sich 83 Prozent der Bevölkerung in Deutschland dafür ausgesprochen, dass das in private Altersvorsorge angelegte Geld in Unternehmen investiert werden soll, die die Umweltvorschriften und die Menschenrechte berücksichtigen. Die Experten von Cerulli betonen darüber hinaus: Anleger, die auf diesen Investmentstil setzen, seien von dem Konzept überzeugt und ließen sich daher nicht so schnell verunsichern, wenn die Kurse sinken.

Christoph Kadner von Lazard Asset Management ergänzt, nachhaltige Anlagen schwankten meist weniger heftig als etwa Titel von Wachstumsunternehmen. In einem unsicheren Börsenumfeld könnten Anleger daher weiter an diesen Anlagen Geschmack finden. Kein Wunder also, dass sich Moral in der Baisse gut verkauft.

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×