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15.01.2003

08:53 Uhr

Immer mehr Firmen sichern sich professionelle Unterstützung für den Notfall

PR-Agenturen entdecken die Krisenberatung

Der Fall Coppenrath & Wiese zeigt, wie schnell Firmen im Krisenfall reagieren müssen. PR-Agenturen wie Marktführer Weber Shandwick sehen in der Krisenberatung einen neuen Wachstumsmarkt.

jojo/pes MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Die Krise kam für den Großbäcker Coppenrath & Wiese überraschend: Weil am Wochenende ein Mädchen nach dem Genuss einer Sahnetorte des Herstellers gestorben war, kam das Unternehmen in die Schlagzeilen - obwohl sich kein Zusammenhang zwischen der Torte und dem plötzlichen Tod des Mädchens nachweisen ließ. Mit einem Notfallplan für die Öffentlichkeitsarbeit hätte sich wohl Schaden abwenden lassen. Aber auf einen PR-Notfall sind viele Unternehmen nicht vorbereitet. Eine Umfrage der PR-Agentur Weber Shandwick unter 50 großen deutschen Firmen ergab, dass nur zwei Drittel einen Krisenplan haben.

Doch immer mehr Unternehmen und Institutionen entwickeln zusammen mit Kommunikationsprofis Pläne für den Ernstfall. "Das ist ein enorm wachsendes Geschäftsfeld", freut sich Jack Leslie, Chef von Weber Shandwick, der weltgrößten PR-Agentur, die zur US-Werbeholding Interpublic gehört. "Es gibt heute zwar nicht mehr Krisen als vor zehn Jahren, aber die Öffentlichkeit interessiert sich viel mehr dafür." Jeder zehnte Dollar der rund 400 Mill. Dollar Honorar-Umsatz von Weber Shandwick wird bereits mit Krisen-PR erwirtschaftet. Tendenz: Die Umsätze steigen. "Wir haben das schon immer angeboten", sagt Leslie, "aber jetzt wird es so wichtig, dass wir sogar eine eigene Abteilung daraus machen."

Kunde ist auch das Europäische Patentamt: Mit einem Patent auf embryonale Stammzellen hatte sich das Amt vor drei Jahren den Zorn von Greenpeace zugezogen. Auf einmal musste sich das ansonsten kaum beachtete - und deshalb wenig vorbereitete - Patentamt Kritik aus ganz Europa stellen. Die Behörde zog Konsequenzen aus der Greenpeace-Attacke: Als es zum Einspruchsverfahren gegen das Patent kam, engagierte das Amt PR-Profis, um sich gegen neue Angriffe zu wappnen.

Für die US-Berater ist Krisen-PR aber auch eine Strategie, um sich selbst über Wasser zu halten. Im vergangenen Jahr sparten viele Firmen an ihren PR-Ausgaben. Vor allem IT-Firmen und Finanzdienstleister sorgten für große Löcher in den Einnahmen der rund 3 000 Mitarbeiter starken Firma. Allein in Deutschland musste Weber Shandwick laut einer Prognose des Branchendienstes PR-Report in 2002 einen Umsatzeinbruch von über 13 % auf 16,8 Mill. Euro verkraften.

Bislang hätten sich für Krisen-PR lediglich die Hälfte der Kunden interessiert, hauptsächlich große, weltweit tätige Konzerne, sagt Leslie. Weber Shandwick beriet nach den Angriffen vom 11. September etwa die Fluggesellschaft American Airlines und die Hotelkette Marriott. Dafür stehen in der Zentrale in der US-Hauptstadt Washington rund um die Uhr Berater bereit. Der Manager glaubt, dass langfristig kein Unternehmen mehr ohne Krisenpläne auskommen kann. "Von Vorwürfen über Kinderarbeit bis zu Protesten von Aktionären und Boykottdrohungen sind die Firmen heute an vielen Stellen bedroht", warnt Leslie. Der Krisenplan für das Patentamt sieht sogar Reaktionen auf physische Angriffe von Aktivisten vor. "Vor allem die Chefs müssen wissen, wie sie zu reagieren haben", sagt Leslie.

Der ehemalige Krisenexperte des Medienkonzerns Bertelsmann, Christian Seidenabel, geht sogar noch weiter: "Das Frühwarnsystem in Unternehmen muss besser funktionieren." Der Inhaber des Beratungsunternehmens Communication Lab sieht vor allem bei größeren Unternehmen einen klaren Trend, Strukturen aufzubauen, die kritische Themen schon lange vor einer möglichen Katastrophe melden. Zwar haben Konzerne wie Daimler-Chrysler oder BASF schon jetzt eigene Instrumente, die unternehmensintern beim Aufspüren kritischer Themen helfen. Für Kommunikationsagenturen ist die Beratung und der Aufbau von Krisenprävention nach Ansicht von Seidenabel aber ein riesiger Wachstumsmarkt. Bislang liegt der Umsatzanteil im Bereich Krisen-PR bei vielen größeren PR-Agenturen noch unter 5 %.

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