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15.01.2003

07:33 Uhr

Immobilien

Kommentar: Heiße Luft

VonFrank Wiebe

"Blasen" heißt der schlichte Titel eines Werks des Philosophen Peter Sloterdijk. Es geht darin nicht um die Börse, sondern um die menschliche Seele. Aber die hat ja auch mit der Börse zu tun, wie viele Anleger mit dem "Aushauchen" der großen Aktienblase erfahren haben.

Doch es gibt noch mehr Blasen. In Japan bildete sich Ende der 80er-Jahre zu gleicher Zeit eine Börsen- und eine Immobilienblase. In der angelsächsischen Welt bildeten sie sich nacheinander: zuerst an der Börse, dann an den Immobilienmärkten. Bei den Immobilien ist sie noch gut gefüllt. Beispiel Großbritannien: Dort stiegen die Preise im vergangenen Jahr um rund ein Viertel. Aber auch in den USA und im fernen Australien funktioniert das Spiel: Ein Teil der heißen Luft, die aus dem Aktienmarkt entweicht, sammelt sich in den Preisen für Eigenheime; für reichlich Wind sorgt in Amerika zusätzlich die großzügige Geldpolitik. Ein großer Teil der Verluste auf der einen Seite wird für die Bürger durch Wertsteigerungen auf der anderen Seite wettgemacht. Die eine Blase löst die andere ab und mildert die Folgen. Und sie stützt die Konjunktur: Nicht zufällig sind gerade Großbritannien, die USA und Australien Länder mit hohen Wachstumsraten beim privaten Verbrauch, dem wichtigsten Wirtschaftsmotor. Finanziert wird der zum Teil dadurch, dass nach den Preissteigerungen höhere Immobilienkredite aufgenommen werden. Die Laune des US-Verbrauchers, auf dessen Ausgabenfreude alle Märkte und Konjunkturauguren starren, hängt auch vom Preis seiner vier Wände ab.

Diese Entwicklung ist einerseits ein Segen, weil sie die schlimmsten Auswirkungen der Börsenbaisse abmildert. Was aber passiert, wenn die zweite Blase nicht mehr weiter gefüllt werden kann oder bereits heiße Luft ablässt? Dieser Zeitpunkt dürfte bald erreicht sein.

Mehrere Szenarien sind denkbar. Im schlimmsten Fall verwandelt sich die erhoffte wirtschaftliche Erholung in eine Rezession. Im besten Fall hat die Aktienbörse rechtzeitig ihre Probleme verdaut und kann den Immobilienmarkt wieder ablösen. Die wirkliche Entwicklung dürfte dazwischen liegen - das würde auf eine Verlängerung der heutigen Schlingerpartie hindeuten, auch über dieses Jahr hinaus. Gegen Ende des Jahres ist aber vielleicht spürbar, ob der Luftaustausch gelingt. Bei allen Prognosen zur Konjunktur und zur Börse sollte diese schwierige Operation genau beobachtet werden.

Es wäre übrigens ein Irrtum, zu glauben, dass Kontinentaleuropa, wo die Aktien eine geringere Rolle spielen, die Immobilienblase sich weniger zeigt und die Verbraucher zurückhaltender sind, jetzt fein heraus wäre. Wir sind auf die angelsächsische Welt, vor allem die USA, als Motor für die Konjunktur und die Finanzmärkte angewiesen. Bei uns bilden sich nur kleinere Blasen, weil der Staat sich als finanzieller Staubsauger betätigt. Doch dieses Modell stößt ebenfalls an Grenzen. Wir leben alle auf Pump, in Kontinentaleuropa ist dabei jedoch in größerem Umfang der Staat zwischengeschaltet.

Anlegern bleibt nur, ihr Geld gut zu verteilen, um beim Blasenspiel nicht weggefegt zu werden. Und sie brauchen wahrscheinlich einen noch längeren Atem, als viele sich heute vorstellen.

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