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07.01.2003

16:26 Uhr

In Brasilien zunächst noch abwarten

Analysten erwarten Erholung in Schwellenländern

Nach dem Absturz 2002 stehen die Aktien aus den Schwellenländern in diesem Jahr vor einer Erholung, der aber eine Reihe von Risiken entgegenstehen.

vwd NEW YORK. Ein globaler wirtschaftlicher Aufschwung, der in diesem Jahr - vor allem in der zweiten Jahreshälfte - an Fahrt gewinnen sollte, günstige Bewertungskennzahlen und der erwartete Anstieg des Gewinnwachstums in den Schwellenländern sollten zusammengenommen eine wachsende Anzahl von Investoren anlocken, sagen Analysten. Hinzu komme, dass sich die finanziellen Fundamentaldaten an den Aktienmärkten enorm verbessert haben, wodurch die Kapitalkosten sinken, stellt Tim Love, Aktienstratege für Emerging Markets bei der Deutschen Bank fest.

Er erwartet 2003 für Aktien aus den Schwellenländern einen durchschnittlichen Gewinn von 30 Prozent. 2002 hatten sich die Aktienkurse in den Emerging Markets bereits besser entwickelt als ihre Konkurrenten in den Industriestaaten. Gemessen am Morgan Stanley Capital International Index (MSCI) verloren sie insgesamt in Dollar gerechnet acht Prozent ihres Wertes, verglichen mit einem Absturz von 24 Prozent in den USA, 23 Prozent in der EU und elf Prozent in Japan.

Geoffrey Dennis, Aktienstratege für Lateinamerika sowie Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika (EMEA) bei Salomon Smith Barney (SSB), ist ähnlich optimistisch wie Love. Er rechnet mit einem Plus von 25 Prozent in Lateinamerika und einem Zuwachs von 17 bis 18 Prozent in den EMEA-Staaten. Dennis weist darauf hin, dass Aktien in Lateinamerika mit dem Neunfachen der für 2003 erwarteten Gewinne bewertet sind, während EMEA-Aktien etwa zum 10,5-fachen gehandelt werden. In den asiatischen Schwellenländern betrage die Kennziffer 13 bis 14.

Für asiatische Aktien ist die Zuversicht der Analysten etwas geringer. Neben den höheren Kennziffern könnten die andauernde Wirtschaftsschwäche in Japan, der deflationäre Einfluss der chinesischen Dumping-Preise für seine Exporte sowie die starke Anfälligkeit der Region für hohe Ölpreise die Entwicklung hemmen, heißt es. Tatsächlich scheint vom Öl die größte Gefahr für den insgesamt optimistischen Ausblick auszugehen. Der drohende von den USA geführte Militärschlag gegen den Irak sowie der mittlerweile fünfwöchige landesweite Generalstreik in Venezuela haben den Preis für Rohöl am Freitag in New York über 33 $ getrieben.

Sollte das Rohöl länger als ein Vierteljahr mehr als 30 $ kosten, werde das die Gewinne beeinträchtigen, sagt Love. Sollte sich der Anstieg aber als kurzzeitiges Hoch erweisen, könne sich dies sogar als Kaufgelegenheit entpuppen. Anhaltend hohe Ölpreise würden den Öl-Exporteuren unter den Emerging Markets wie Mexiko, Russland und - unter normalen Umständen - Venezuela zwar entgegenkommen. Viele Importeure in Osteuropa, der Türkei, Brasilien, Chile, Indien und einige Staaten in Südost- und Nordostasien würden sie hingegen hart treffen.

Zudem könnten sie das globale Wachstum behindern, weil sowohl die USA, als auch die EU und Japan große Ölimporteure sind. Allerdings gehen die meisten Analysten davon aus, dass die gegenwärtige Ölpreisstärke nur von kurzer Dauer sein wird und nachlassen wird, sobald die Krise im Irak ausgestanden ist und Venezuela wieder zur Ruhe kommt. SSB erwarte, dass der Ölpreis Ende 2003 unter 20 Euro pro Barrel liegen wird, sagt Dennis.

Billigeres Rohöl dürfte dem Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten und der EU endlich Schwung verleihen, was wiederum vielen Märkten in Lateinamerika und Osteuropa Auftrieb geben würde. "Wenn die Industriestaaten wachsen, gibt es einen Multiplikator-Effekt für die Schwellenländer", sagt Graham Makohoniuk, Research- und Portfolio-Manager bei Global Management LP.

Nach Aussage von Makohoniuk sucht sein Fonds nach werthaltigen Aktien in Märkten mit mittelfristig soliden Wachstumsaussichten und bevorzugt dabei Unternehmen, die eine gute Marktposition haben, um dieses Wachstum zu stützen. Darunter fielen Infrastrukturwerte ebenso wie Versorger und Telekommunikations-Aktien.

Unter den größeren Schwellenländern sollte sich Mexiko in diesem Jahr erneut besser entwickeln als Brasilien, glaubt Dennis von SSB. Brasilien werde es schwer haben, den 40-prozentigen Anstieg der Aktienkurse im letzten Quartal 2002 zu wiederholen. Dennis bevorzugt hauptsächlich exportorientierte Unternehmen wie den Bergbau-Riesen Companhia Vale Do Rio Doce, den Papierhersteller Aracruz Celulose und den Stahlproduzenten Gerdau. Zudem könnten die Anleger in Brasilien zunächst eine Atempause einlegen und abwarten, bis die noch junge Regierung von Luiz Inacio Lula da Silva, der am Mittwoch als neuer Präsident Brasiliens vereidigt wurde, eine genauere Definition ihrer Politik abgibt.

In Mexiko hebt Dennis Wachstumsunternehmen hervor, darunter den Festnetz-Giganten Telefonos de Mexico, den Mobilfunkdienstleister America Movil und den spanisch-mexikanischen Finanzdienstleister BBVA-Bancomer. Unter den Namen, die Tim Love von der Deutschen Bank ansprechen, finden sich die thailändische Bangkok Bank, der russische Ölkonzern Lukoil sowie Kia Motors aus Südkorea. Der Fonds von Makohoniuk ist für Südkorea angesichts des Ölpreisrisikos und der Gefahr, dass Nordkorea sein Atomwaffenprogramm wiederbelebt, "nicht sehr bullish".

Und obwohl Indiens rund 200 Millionen kaufkräftige Bürger die dortigen Unternehmen grundsätzlich interessant machten, stimmten ihn Regulierungs-Risiken, verschwiegene Manager und die Spannungen mit dem Nachbarn Pakistan auch für dieses Land vorsichtig. "Wir mögen die indischen Software-Unternehmen, finden sie aber ein bisschen teuer", fügt er hinzu. Dagegen erwarten die befragten Analysten, dass Unternehmen aus der Türkei ein attraktives Investment sein sollten, wenn die Unsicherheit rund um den Irak vorbei ist.

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