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17.04.2003

07:43 Uhr

In den Niederlanden schlägt die Branche Umstellung des Prämiensystems zur finanziellen Sanierung vor

Pensionsfonds in der Klemme

VonSusanne Bergius (Handelsblatt)

Die Börsenkrise hat den niederländischen Pensionsfonds milliardenschwere Defizite beschert. Über 150 von ihnen gelten als finanzielle Sorgenkinder. Nun sollen die Prämien steigen, damit die Fonds ihre Pensionszusagen erfüllen können. Dabei sollen jetzt auch die Arbeitnehmer zur Kasse gebeten werden.

BRÜSSEL. Achtung Treibsand - so spricht man in den Niederlanden heutzutage von den Pensionsfonds. Jahrzehntelang galten die etwa 900 Branchen- und Unternehmensfonds, die die Altersvorsorge fast aller Beschäftigten in den Niederlanden sichern, als finanzielles Rückgrat der Nation. Die Fonds verwalteten im vergangenen Jahr mehr als 400 Mrd. Euro an Vermögen, fast so viel wie das niederländische Bruttoinlandsprodukt. Doch der Börsencrash ließ das Kapital zerrinnen. Der Wert der Aktienbestände sackte nach Angaben des Statistikamtes und der Zentralbank um über die Hälfte auf 182 Mrd. Euro ab.

Allein der mit einem Vermögen von 133 Mrd. Euro weltgrößte Pensionsfonds ABP, der die Pensionen der Staatsbediensteten versorgt, verbuchte ein Defizit von 22 Mrd. Euro. Das ist mehr als die Regierung in vier Jahren einsparen müsste, um den Staatshaushalt auszugleichen. Der Staat kann also die Löcher seiner Pensionskasse nicht stopfen. Der Deckungsgrad, das Verhältnis von Vermögen und Verpflichtungen, sank laut eigenen Bilanzregeln auf 90 %.

Gemäß den weicheren Regeln der Pensions- und Versicherungskammer (PVK) hat ABP mit einem Deckungsgrad von 103 % allerdings gerade noch genug Mittel, um seine Pflichten zu erfüllen. Der Deckungsgrad des zweitgrößten, für den Gesundheitssektor zuständigen Pensionsfonds PGGM schmolz von 122 % auf 100 %. Beide müssen laut PVK handeln, um schnellstmöglichst wieder solide zu werden. Dabei hatten sie mit - 7 % in 2002 noch ein besseres Anlageergebnis als der Schnitt aller Pensionsfonds (- 8 %).

Bei den Firmenfonds betrug der durchschnittliche Deckungsgrad im März 105 %. Etwa 150 davon gelten als Sorgenkinder. Vergangenes Jahr mussten die Unternehmen 1 Mrd. Euro zu Lasten ihrer Ergebnisse zuschießen. Für die meisten Fondsverwalter kommt ein Ausstieg aus Aktien zur langfristigen Sanierung dennoch nicht in Frage. Im Gegenteil: Die meisten Fonds kauften vergangenes Jahr sogar zu, um ihre Aktienquote konstant zu halten. Nur ABP und einige andere stellten diese Praxis im zweiten Halbjahr ein. Ihr Aktienanteil sank nach Berechnungen des Researchinstituts WM Company.

Die Institute sehen ihr Heil nun in einer geänderten Finanzierung. "Das heutige System ist wegen der Überalterung und der Renditeentwicklung unbezahlbar", sagt Gert Pielage von der Bank ABN Amro, dessen Fonds mit - 12,7 % pikanterweise eines der schlechtesten Anlageresultate ausweist. Beim Konkurrenten ING, der besser abschnitt, verdoppelten sich die Prämien für die Beschäftigten in den Niederlanden seit fünf Jahren.

Die Finanzbranche will daher die traditionelle Prämienfreiheit für Arbeitnehmer abschaffen. Sie gilt ohnehin nur in ihrem Sektor und bei einigen Großkonzernen. Darüber verhandeln der Versicherungsverband und große Institute, die eigene Tarifverträge haben. ABN Amro schlug nach Angaben der Gewerkschaften vor, die Beschäftigten sollten ab kommendem Jahr 6 % des der Rentenberechnung zu Grunde liegenden Gehalts bezahlen. Zudem solle der automatische Inflationsausgleich entfallen und das Rentenalter auf 65 Jahre steigen.

ABP-Direktor Jean Frijns kündigte bei Bekanntgabe des Jahresberichts an: "Die nächsten Jahre werden bitter." Er will die Prämien für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die ein Viertel davon tragen, um vier Prozentpunkte auf ein kostendeckendes Niveau von 19 % des Verdienstes anheben. Hinzu soll ein Sonderzuschlag kommen. Beobachter halten 3,5 % für möglich. PGGM hat die Prämien dieses Jahr um ein gutes Drittel erhöht und will sie kommendes Jahr um ein weiteres Drittel auf 13 % anheben. ABP will zudem den Inflationsausgleich für Pensionen kürzen. Ferner sollen die Sozialpartner durch mehrjährige Lohnmäßigung die Pensionspflichten dämpfen.

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