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07.07.2000

22:00 Uhr

In der indischen IT-Branche sind Headhunter allgegenwärtig

Indien: Fahndung nach Software-Assen und Web-Designern in der Disco

Headhunter suchen IT-Profis in Discos und Bars und legen Datenbanken über hochqualifizierte Fachkräfte an. Sie locken die High-Potentials mit Aktienoptionen und "Jackpot-Calls", die den potenziellen Mitarbeitern fremdes Geld und Karriere versprechen. Dabei erweist sich die Suche nach guten Mitarbeitern aber häufig als Puzzle-Spiel.

afp BANGALORE. Sie schwärmen täglich in die Restaurants, Bars und Discos der Stadt aus oder hängen sich stundenlang ans Telefon: Headhunter, wie private Arbeitsvermittler gemeinhin genannt werden, haben in Indiens boomender IT-Metropole Bangalore alle Hände voll zu tun. Kaum ein großer Name der Internet- und Softwarebranche, der die Dienste der diskreten Talentsucher nicht in Anspruch nimmt, um gute Programmentwickler oder Web-Designer ins Team zu holen. "Wir suchen Leute für Firmen wie Yahoo!, Hewlett Packard, Cisco Systems oder Wipro", berichtet V. Sridhar, Chef der Arbeitsvermittlungsagentur CRV Consultants. Seit das Internet-Fieber kursiert, ist es mit ruhiger Kontaktanbahnung vorbei: "Da ist längst ein wildes Hauen und Stechen im Gange."

Indische IT-Experten sind ein Markenzeichen

Mehr als 4500 Informationstechnologiefirmen, darunter 1500 mit ausländischer Beteiligung, haben sich inzwischen in Bangalore angesiedelt und die Stadt zum Silicon Valley Indiens gemacht. Jeden Tag kommen zwischen drei und vier neue "Dot.coms" dazu - junge Internet-Firmen mit innovativen Ideen und oftmals nur wenigen, aber hochqualifizierten Mitarbeitern. Der Bedarf an IT-Fachleuten ist kaum zu stillen. "Es gibt da draußen nicht mehr viele Leute, die wir ködern können. Indische IT-Experten sind fast schon so etwas wie ein Markenzeichen. Alle wollen sie haben, ständig entstehen neue Firmen", sagt Sridhar. Auch Deutschland mit seinem akuten Fachkräftemangel in der Softwarebranche blickt nach Indien und hofft, fähige Leute mit seiner Green-Card-Initiative abwerben zu können.

Suche von Fachkräften erweist sich als Puzzle-Spiel

Sridhar beschreibt seinen Job als "Puzzle-Spiel". Auf der einen Seite sei der Kunde, der genaue Vorstellungen hege und "einfach den Besten" haben wolle, und auf der anderen Seite ein schlauer Kopf, der an seinem jetzigen Arbeitsplatz unzufrieden sei. "Man muss ständig suchen und diesen beiden Teile zusammenbringen." Gelockt wird mit besserem Gehalt, Aktienoptionen, neuen Technologien und angenehmerem Arbeitsumfeld. "Aber mein Trumpf ist immer der neue Horizont, der sich den Leuten eröffnet. Sie können einfach mehr lernen - das wirkt fast immer", berichtet der erfahrene Headhunter.

Jackpot-Call

Die meisten IT-Profis in Bangalore erhalten regelmäßig Anrufe von Headhuntern. "Jackpot-Call" nennen sie diese Telefonanrufe, bei denen ihnen jemand wildfremdes Geld und Karriere verspricht. "Mein letzter 'Jackpot-Call' kaum aus dem Nichts. Es war schon das dritte Mal, das mich jemand mir völlig Unbekanntes anrief und mir einen Job anbot. Es ging um eine Internet-Firma, die noch gegründet werden soll", schildert Pavi Krishnan seine Erfahrungen. Er arbeitet als Kreativ-Direktor bei Mudra Communications, einer der führenden Werbeagenturen Indiens. "Der Mann am Telefon sagte mir, der Chef der neuen Firma wolle mich sofort sehen, möglichst in den nächsten Stunden." Zuhören kann man ja mal.

Headhunter lauern in Bars und Discos

Wer nicht angerufen wird, könnte in einer der Bars oder Clubs von Bangalore angesprochen werden, wo Headhunter allabendlich auf Beute lauern. In der Regel sind die Kontakte aber nicht zufällig: "Wir haben Datenbanken mit Infos zu mehr als 10 000 Managern, Entwicklern und Entscheidern", berichtet Sanotosh Joseph, Chefberater bei Ma Foi Management Consultants. Diese Daten müssen ständig überarbeitet werden. "Bei IT-Spezialisten ändert sich alles sehr schnell, auch die Fähigkeiten, und wir müssen in der Lage sein, alle Anfragen sofort bedienen zu können."

Eine Visitenkarte allein reicht nicht. Üblich sind Erkundigungen über Lebenslauf und bisherige Stellenprofile, Nachfragen und "eigene Markt-Intelligenz", wie Sanotosh Joseph das Gespür eines Headhunters für passende Kandidaten nennt. Genauestens wird verfolgt, welche Firma mit welchem Produkt, welcher Geschäftsstrategie und welchen Leuten Erfolge erzielt, um dann die "Überflieger herauszufiltern". Zu den Überfliegern gehören inzwischen nicht mehr nur IT-Profis, sondern auch die Personalagenturen selbst. Ma Foi hat Niederlassungen in nunmehr 13 Städten Indiens, und der Umsatz verdoppelte sich im vergangenen Jahr.

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