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25.06.2000

21:00 Uhr

In Europa entsteht eine lebhafte Aktienkultur

Kleinanleger werden zu Stützen der Börse

VonRobert Landgraf , TITUS KRODER

Die Anzeichen einer rasant aufblühenden Aktienkultur im Viereck Lissabon - Athen - Helsinki - London sind unübersehbar: Privatanleger spielen eine immer größere Rolle bei Börsengängen, und ihr Beitrag zum Börsenumsatz steigt stetig.

Rund 73 Mrd. Euro wurden im vergangenen Jahr von europäischen Privatanlegern in die Aktienmärkte gepumpt - ein Rekord. Die jüngsten Tranchen der italienischen Energieholding Eni oder des spanischen Versorgers Endesa wanderten zu 80% in Kleinanlegerportfolios. Das Privatkundenkontingent beim Börsengang der Air France war zehnfach überzeichnet. "Ohne Kleinkunden sind solche Börsengänge, zumal in Südeuropa, gar nicht mehr möglich", meint ABN-Rothschild-Analyst Matthew Westerman. Auch in Großbritannien griffen die Privatanleger beim Börsengang des Wettkonzerns William Hill bei einem Preis zu, der institutionellen Anlegern zu heiß war ( >>Tabelle ).

Beim Anteil der Privatanleger am Börsenhandel orientiert man sich in der Regel am Vorbild USA, wo etwa 18 % des wertmäßigen Umsatzes von dieser Seite kommen. Statistiken der Börsen Frankfurt und Paris zeigen, dass in Frankreich etwa 8 % des Börsenumsatzes von Discount-Brokern ins Orderbuch gestellt werden. In Großbritannien erreicht der Wert gut 11 % und in Deutschland bereits 13%. Das Internet scheint als Werkzeug für den neuen europäischen Populärkapitalismus wie geschaffen. Elektronische Broker sind die Sammelstellen für den mächtigen Auftritt der Kleinanleger an der Börse: Avanza in Schweden, Fineco in Spanien, Cortal in Frankreich. Den europäischen Marktführern Comdirect, Consors und Schwab Europe steht quer über den Kontinent potente Konkurrenz ins Haus.



Einfluss der Privatanleger wächst

Kritische Stimmen sprechen bereits von zu großem Einfluss der Privatanleger auf das "professionelle" Börsengeschäft. Die Marktpflege sei damit erschwert, die zusätzliche Liquidität der Aktiensparer sei ein Segen, der aber immer unberechenbarer werde. Börsengänge wie der von Swisscom, der unter beinahe völliger Abstinenz der Massenkundschaft über die Bühne ging und sich unter institutioneller Regie als stabiler Wert mit guter Kursentwicklung entpuppte, sind selten geworden. Immer häufiger gelte das Modell "Endesa", klagen Londoner Börsenprofis. Den iberischen Blue Chip ließen die Kleinanleger schnell im Stich.

Eine Studie des Fondsanbieters Threadneedle International zeigt, dass der typische britische Privatanleger etwa 4000 $ in Aktienfonds investiert hat, während sein deutsches Gegenüber derzeit einen Gegenwert von 2 400 $ im Portfolio hält. Selbst bei den Aktienmuffeln in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Die Aktienanlage hat inzwischen deutlich an "Standing" gewonnen. Untrügliches Zeichen: Börsengänge von Unternehmen bestimmen mittlerweile so manche Diskussion an deutschen Stammtischen.

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