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24.04.2003

08:44 Uhr

In London bisher nur zwei Neulinge an der Börse

Kaum eine Chance für Neuemissionen

VonFelix Schönauer (Handelsblatt)

London, eigentlich der aktivste und attraktivste Finanzplatz in Europa, verzeichnet seit mehr als zwei Monaten auf dem Börsenzettel seines Hauptmarktes keinen einzigen Neuzugang mehr.

LONDON. Der Golfkrieg ist vorbei, doch Euphorie will sich an den Aktienmärkten nicht einstellen - erst recht nicht, wenn es um Neuemissionen geht. Es scheint vielmehr so, als wäre nun auch die letzte Bastion für Neulinge in Europa gefallen: London, eigentlich der aktivste und attraktivste Finanzplatz in Europa, verzeichnet seit mehr als zwei Monaten auf dem Börsenzettel seines Hauptmarktes keinen einzigen Neuzugang mehr.

Die bisherige Jahresbilanz fällt mager aus. Lediglich zwei Investment-Trusts wagten den Sprung auf das Parkett - und das schon im Januar. Selbst am agileren Technologie- und Wachstumsmarkt AIM herrscht gespenstische Ruhe: Im März sammelten drei neu notierte Firmen ganze 2,15 Mill. Pfund (rund 3,6 Mill. ) ein, bis Ende April kommen wohl nur vier weitere dazu. Das IPO-Volumen in den ersten drei Quartalen lag in London unter 20 Mill. Pfund. Im Jahr zuvor waren es zur gleichen Zeit knapp 1,5 Mrd. Pfund gewesen.

Der Einbruch bringt den wichtigsten europäischen Kapitalmarkt dahin, wo die anderen längst sind: auf den Boden. Die Unternehmensberatung Price-Waterhouse-Coopers zählte bis Ende März ein gutes Dutzend Neuemissionen auf dem Kontinent, denen insgesamt knapp 75 Mill. zufloss. Das größte europäische IPO des Jahres, die italienische Energie-Firma Meta, sammelte 62 Mill. ein - 36 Mal weniger Geld, als der größte Börsengang im Jahre 2002 einbrachte. Doch auch das sagt viel aus: Selbst mit seiner mageren Quartalsbilanz konzentrierte London fast zwei Drittel der westeuropäischen Emissionstätigkeit auf sich. Die nüchterne Einschätzung von Tom Toubridge, Leiter der Londoner Capital Markets Group, lautet daher: "Die wichtigsten europäischen Märkte sind geschlossen."

Und die Türen bleiben wohl erst einmal zu: "Die meisten Firmen haben ihre Pläne in die Schublade gelegt", sagt John Hannaford, Managing Director Equity Capital Markets bei der britischen Bank HSBC. Dort liegen sie, bis das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung wieder steigt. Und das kann dauern. Zwar sagt Hannaford, er "kenne Firmen, die sich den Markt anschauen". Doch er schränkt gleich ein, dass er bis Ende des Jahres keine neuen Impulse erwartet.

James Renwick, Leiter Europäische Aktienmärkte bei UBS Warburg, sieht die Situation anders. Sicher, es dauert noch bis zum Aufschwung. Doch das liegt nicht am geringen Interesse. Potenzielle Investoren seien vorhanden. Er merke ein Interesse der Anleger für Emissionsvolumina zwischen 1,5 und 2,5 Mrd. Pfund. Das davon nicht viel am Markt zu sehen ist, liege an den schlechten Rahmenbedingungen.

So ist auch nach dem Kriegsende kein Ende der Berg- und Talfahrt bei den Indizes in Sicht. Der britische FTSE-Index etwa notiert auf einem niedrigeren Niveau als zu Jahresbeginn. Zuletzt mussten die Börsenkandidaten sogar oft an den unteren Rand ihrer Preisspanne gehen. Da viele Anteile bei Wagniskapital- Finanzierern oder Private-Equity- Häusern liegen, warten die lieber auf bessere Bedingungen. Im Zweifel kaufen die Finanzierer eher Anteile an interessanten Gesellschaften dazu, als dass sie Firmen aus ihrem Portfolio an die Börse bringen. "Es gibt keinen Grund, zu den jetzigen Preisen zu verkaufen", sagt Renwick

Sobald es wieder aufwärts geht, sehe das anders aus. Zu den besten Kandidaten zählt er solide Firmen, die seit Jahren im Markt vertreten sind, über stetigen Geldzufluss verfügen und ein gutes Management haben. Zu den aussichtsreichsten Bewerbern zählt Renwick etwa die Nahrungsmittel-Hersteller Rank Hovis McDougall oder United Biscuits. Auch der Casino- und Bingo Gala Group-Betreiber steht auf seiner Liste ganz oben. Sollte sich die Anzeigen-Industrie wieder erholen, könnten auch die ehemalige BT-Tochter Yell wieder interessant werden. Die britischen Gelben Seiten haben ihren Börsengang im vergangenen Juni buchstäblich in letzter Minute abgesagt, ebenso der Einzelhändler Focus Wickes.

Für die Banker in den Neuemissions-Abteilungen steht dennoch ein schweres Jahr bevor. Renwick beteuert, man sei "gut beschäftigt". Die Investment-Banker halten sich mit so genannten aktienbasierten Produkten (Zweitplatzierungen, Blockhandel oder Wandelanleihen) über Wasser. Die Aussicht auf das Jahr klingt dennoch verhalten: "Es ist noch zu früh, 2003 als schreckliches Jahr abzuhaken."

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