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23.01.2003

08:36 Uhr

In vielen Zeiträumen haben Anleihen die Aktien geschlagen

Vorsprung der Aktien wird teuer erkauft

VonFrank Wiebe

Wer bietet mehr: Anleihen oder Aktien? Die Daten der Vergangenheit zeigen eine leichte Überlegenheit der Aktie. Doch diese wird durch ein dramatisch höheres Risiko erkauft. Wer seine finanzielle Zukunft plant, sollte für beide Vemögensarten relativ niedrige Planrenditen einsetzen, weil der langfristige Rückgang der Zinsen vorbei ist.

DÜSSELDORF. Es kann alles noch schlimmer kommen. Das zeigt ein Blick in die Statistik: Trotz der Börsenschwäche zeigt der Deutsche Aktienindex (Dax) im Zehnjahres-Vergleich immer noch eine durchschnittliche Jahresrendite von rund 6 %. Frühere Jahrzehnte waren weitaus schlechter. Die Dekade, die 1979 endete, schloss zum Beispiel mit einem Minus von 2 %, gemessen am zurückgerechneten Dax. Spitzenwerte wurden dagegen 1997 und 2000 mit jeweils 16 % erreicht.

Wozu diese Zahlenspiele? Jeder, der seine finanzielle Zukunft plant, ist auf realistische Eckwerte für die Renditen seiner Anlage angewiesen. Die Methode, gleitende Zehnjahreszeiträume auszuwerten, ist wesentlich besser als das häufig angewendete Verfahren, einfach von heute aus verschiedene Zeiträume zurückrechnen. Denn bei diesem zweiten Verfahren hängt alles davon ab, wo die Börse heute steht. Aber auch die gleitende Rechnung ist nicht ganz unabhängig vom Zeitraum. Und sie könnte sich in den kommenden Jahren deutlich verschlechtern. Denn in der gerade abgeschlossenen Dekade sind nicht nur die schwachen Jahreswerte seit dem Jahr 2000 enthalten, sondern zum Beispiel auch der Sprung im Jahr 1993 um 47 %. Wagen wir also einen Blick in die Zukunft: Sollte der Dax in diesem Jahr per saldo 10 % zulegen - was ja kein schlechtes Ergebnis wäre - dann hätten wir Ende 2003 eine Zehnjahresrendite von nur noch 3,4 % pro Jahr.

Betrachtet man alle Dekaden von 1967/77 bis 1992/02, so ergibt sich für den Dax eine durchschnittliche Jahresrendite von immerhin 8,1 %. Anders gesagt: Seit 1967 haben Dax-Anleger, die genau zehn Jahre investiert haben, im Durchschnitt 8,1 % Rendite jährlich bekommen. Der amerikanische S & P 500 lieferte nach dieser Berechnung 9,0 %, der deutsche Rentenindex (Rex) 7,7 %. Ab 1983/93 brachten der Dax dem Anleger 10,6 % ein, der S & P 11,2 %, der Rex 7,8 % und der US-Anleihenindex (ML US Treasurys für 7 bis 10 Jahre) 10,2 %.

Die Zahlen zeigen folgendes: US-Aktien bringen mehr als deutsche - und das, obwohl im Dax die Dividenden eingerechnet sind, im S & P dagegen nicht; die Währungsfrage ist dabei allerdings ausgeklammert. Außerdem ergibt sich: Aktien bringen durchschnittlich mehr als Renten, aber der Abstand ist nicht gewaltig groß. Zudem wird er durch ein hohes Risiko erkauft - beim Dax schwanken die Werte von minus 2 % bis plus 16 %, beim Rex nur zwischen 7 % und 9 %. Und in immerhin elf von 26 Dekaden seit 1967/77 brachten deutsche Renten mehr als Aktien, in einer genauso viel. Seit 1973/83 ist die Bilanz besser für die Aktien - nur in fünf von 20 Dekaden waren die Renten besser. Für diesen Zeitraum waren in den USA in sieben Dekaden die Renten besser, in sieben die Aktien und sechs lagen beide etwa gleich - also nur eine ausgeglichene Bilanz.

Bleibt die Frage, wie viel die Vergangenheit über die Zukunft aussagt. Wie schon erwähnt, könnten vor allem für die Aktien die Werte nach unten gehen. Denn bis etwa ins Jahr 2010 werden die hohen Börsenstände der 90er Jahre den Ausgangspunkt der Berechnung bilden. Falls es nicht einen neuen Börsenboom gibt, sind damit schwache oder hin und wieder sogar negative Werte programmiert. Andererseits haben die Anleger, die bei einer verhaltenen Börse anlegen, viel bessere Zukunftschancen als solche, die im Boom investieren. Die Folge: Im Boom wurde mit viel zu hohen Renditen geplant, in den kommenden Jahren werden die Planrenditen, weil sie ja immer von den Erfahrungen der Vergangenheit geprägt werden, dagegen relativ niedrig ausfallen. Wichtig aber: Die vergangenen Jahrzehnte waren durch einen langfristigen Abwärtstrend der nominellen Zinsen geprägt, Hintergrund war letztlich der Übergang von einer mehr inflatorischen zu einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. Diese Entwicklung dürfte aber beendet sein. Die Zinsen bleiben hoffentlich niedrig, im schlimmsten Fall gibt es einen neuen inflatorischen Schub mit steigenden Zinsen. Ohne den Motor der langsam sinkenden Zinsen werden aber sowohl Aktien wie Renten weniger Ertrag abwerfen als in der Vergangenheit - jedenfalls nominal (also ohne Inflation) gerechnet.

Für den Rentenmarkt ist daher eher das heutige Niveau, korrigiert um den Einfluss der derzeitigen Kriegsangst, ein realistischer Wert, also rund 5 %. Für Aktien könnte man, weil ihr Vorsprung in der Vergangenheit nicht allzu groß war, mit einem Prozentpunkt mehr rechnen - aber mit sehr viel höherer Unsicherheit.

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Berechnungen: Ulrich Behling

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