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10.01.2003

08:38 Uhr

Indexderivate sind der Umsatzrenner

Börsenwirren machen Derivate attraktiv

VonUdo Rettberg

Immer dann, wenn die Unsicherheit an den Aktienmärkten besonders groß ist, suchen aktive Anleger Instrumente, um sich gegen das Kursrisiko abzusichern. Im dritten Jahr der Aktienbaisse setzten Investoren mehr denn je auf Finanz-Derivate. Dies bescherte den Terminbörsen in aller Welt neue Umsatzrekorde.

FRANKFURT/M. Während selbst in hohen wirtschafts- und finanzpolitischen Kreisen Derivate als Teufelszeug verdammt werden, finden die innovativen Finanzinstrumente unter den Anlegern immer mehr Anhänger. Davon profitieren die Terminbörsen, die weltweit Umsatzrekorde vermelden. Nach Angaben von Experten sind die Umsätze mit börsengehandelten Finanz- und Rohstoff-Derivaten im vergangenen Jahr um rund 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Insgesamt sind mehr als 5,5 Mrd. Kontrakte gehandelt worden.

Derivate sind zum Beispiel Optionen, mit denen man eine Wette auf steigende oder fallende Kurse, etwa bei Aktien, Indizes oder Rohstoffen, eingehen kann. "Derivate sind eine vergleichsweise billige Möglichkeit, sich einerseits an den Finanzmärkten zu positionieren und sich andererseits gegen Kursrisiken abzusichern", sagt Stefan Armbruster, Derivate-Experte bei der niederländischen Bank ABN Amro.

Ein Sprecher der Futures Industry Association (FIA) - der amerikanischen Standesorganisation der Derivatebranche - führt den Derivateboom auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten und dem daraus resultierenden Bedürfnis nach Risikosicherung ab. "Darüber hinaus ist das Geschäft mit Derivaten wesentlich professioneller geworden", sagt Armbruster. Im dritten Jahr der Baisse an den Aktienmärkten seien zudem immer mehr Anleger dazu übergangen, ihre Aktienportfolios mit Derivaten gegen Kursrisiken abzusichern.

Derivate werden nicht nur an Terminbörsen gehandelt. Der wesentlich größere Teil des Handels findet over the counter (OTC) statt, das heißt im außerbörslichen Geschäft unter den Banken. Zusammen genommen haben der Handel an den Terminbörsen und der OTC-Handel einen großen Einfluss auf die Kursgestaltung.

Nach Anzahl der umgesetzten börsengehandelten Derivate-Kontrakte ist die Korea Stock Exchange (KSE) die größte Derivatebörse der Welt. An der Börse in Seoul wurden 2002 allein rund zwei Milliarden Optionskontrakte auf den koreanischen Aktienindex Kospi-200 umgesetzt. Doch nach wertmäßigem Umsatz landet die KSE nicht mal unter den ersten zehn Terminbörsen der Welt. Grund: Die Option auf den Kospi hat einen vergleichsweise sehr geringen Nominalwert.

Nach wertmäßigem Umsatz liegt eindeutig die deutsch/schweizerische Terminbörse Eurex an der Spitze. An der vergleichsweise junge Börse wurden im abgelaufenen Jahr 801 Millionen und damit 19 Prozent mehr Kontrakte gehandelt als 2001. Auf Rang zwei steht die Vierländerbörse Euronext - Liffe. Die Zahl der dort gehandelten Kontrakte stieg um etwa 13 Prozent auf 697 Millionen Einheiten. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) hat als Nummer drei in der Welt ihre führende Position auf dem US-Markt mit einer Steigerung um rund 36 Prozent auf 558 Mill. Kontrakte gefestigt. Das einst weltweit dominierende Chicago Board of Trade (CBOT) verbesserte den Umsatz um 31 Prozent auf 344 Mill. Kontrakte.

Umsatzrenner an den Terminbörsen waren im vergangenen Jahr vor allem Index-Derivate, also Wetten darauf, ob ein Index fällt oder steigt. Eurex-Sprecher Uwe Velten weist insbesonders auf das gigantische Umsatzwachstum bei Stoxx- und Dax-Indexoptionen hin. Zu Umsatzrennern haben sich auch Rohstoff-Derivate entwickelt. Nicht zuletzt wegen der Schwäche der Aktienmärkte und der kräftig gestiegenen Rohstoffpreise (Energie, Edelmetalle) besannen sich immer mehr Anleger der großen Möglichkeiten, die dieser Bereich bieten kann.

Die noch bis vor geraumer Zeit die Diskussionen dominierende Frage Computerhandel oder Parketthandel stellt sich in Europa nicht mehr, hier ist der Handel fest in Computerhand. Dafür ist die Frage in den USA jedoch umso drängender. Die Derivatebörsen in Chicago (CME und CBOT) haben sich bis auf Weiteres für ein Nebeneinander beider Handelssystem entschieden. Der Erfolg der neuen elektronischen US-Terminbörsen International Securities Exchange (ISE) und Intercontinental Exchange (ICE) wird jedoch als Fingerzeig betrachtet.

Deutliche Veränderungen gibt es derzeit in der Struktur der existierenden Börsen. Immer mehr Börsen haben ihre Unternehmensform geändert und sich von Mitgliedsorganisation zu ertragsorientierten Aktiengesellschaften gewandelt. Das erfolgreiche Börsendebüt der 104 Jahre alten Chicago Mercantile Exchange im Dezember 2002 hat möglicherweise Vorbild-Charakter für andere Terminbörsen. Mit dem Gedanken der Eigenkapitalbeschaffung über die Aktienbörsen haben sich bereits mehrere Derivatebörsen (wie die ICE, die Philadelphia Stock Exchange und die London Metal Exchange) beschäftigt.

Auf der Produktseite gab es zwar interessante Pläne, doch blieb der Durchbruch neuer börsengehandelter Derivate bislang aus. Weder bei Wetter-Derivaten, noch im Handel von Emissionsrechten oder Telefonminuten waren die internationalen Terminbörsen wirklich erfolgreich. Eine Ausnahme bildeten indes Energie-Derivate. An Europas Energiebörsen wurden z.B. die dort seit kurzem gelisteten Strom-Derivate recht lebhaft gehandelt.

Quelle: Handelsblatt

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