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05.05.2003

08:28 Uhr

Industrie befürchtet irreparable Absatzverluste

Dosenpfand bedroht Brauereien

Die deutsche Brauindustrie schlittert durch das Einweg-Pfand in die schwerste Krise ihrer Geschichte. In der Branche bricht die Zeit für weitere Fusionen und Kooperationen an.

ire/mwb DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Als "absolut dramatisch" schätzt Richard Weber, Präsident des Deutschen Brauer-Bundes, die Lage der deutschen Großbrauereien nach den jüngsten Absatzeinbußen im ersten Quartal des Jahres ein. Der Absatz ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den ersten drei Monaten um fast 10 % eingebrochen.

Weber, der auch Chef der saarländischen Karlsberg Brauerei KG Weber ist, führt die Verluste ausschließlich auf die Einführung des Einweg-Pfandes zum Jahreswechsel zurück. "Das sind beispielsweise die Impulskäufe an Tankstellen, die jetzt total weggebrochen sind", beschreibt Weber die Situation und befürchtet, dass diese Umsätze auch nach Einführung eines bundesweiten Rücknahmesystems für Einweg-Getränkeverpackungen im Herbst 2003 nur schwer wieder reaktiviert werden können. "Der Konsument übt Enthaltung", beklagt Weber. Die unmittelbare Folge sei, dass sich in der deutschen Brauwirtschaft insgesamt 6 200 Mitarbeiter in Kurzarbeit befänden.

Mit den unterschiedlichsten Maßnahmen reagieren die deutschen Brauhäuser auf die Krise. Die sauerländische Brauerei C & A Veltins GmbH & Co will sich genau so wie einige andere Mitbewerber breiter aufstellen und ihre Mineralbrunnen, die sie im vergangenen Jahr noch abgeben wollte, wieder reaktivieren. Veltins-Generalbevollmächtigter Michael Huber denkt sogar über Produkte nach, die keine unmittelbare Affinität mehr zum Kerngeschäft "Bier" aufweisen. Die Dortmunder Brau und Brunnen AG hat ihre Aktivitäten bereits auf den Bereich spirituosenhaltige Limonaden, den so genannten Alcopops, ausgedehnt.

Die Krise in der Brauindustrie macht die deutschen Hersteller auch immer anfälliger für Übernahmen. So hat der Bielefelder Oetker-Konzern weiterhin ein Auge auf die Aktien-Mehrheit von Brau und Brunnen geworfen. Die befindet sich noch im Portfolio der Münchner Hypo-Vereinsbank. Entsprechende Verhandlungen werden zwar immer wieder von Brau-und-Brunnen-Chef Michael Hollmann dementiert, das Haus Oetker signalisiert aber unvermindert großes Interesse daran, die konzerneigene Radeberger-Gruppe (Marken: Binding, Henninger, DAB) durch den Zukauf erheblich zu verstärken.

Selbst stabile Unternehmen wie der traditionsreiche Braukonzern Spaten Löwenbräu, der den Bierausstoß mit 2,9 Mill. Hektoliter 2001/02 (30. September) noch leicht steigern konnte, schließt ein Zusammengehen mit einem ausländischen Partner nicht mehr aus. "International sind wir nur ganz nette Zwerge", meint der Chef der Spaten-Franziskaner-Bräu Jobst Kayser-Eichberg. Besonders im Ausland könnte die Brauerei einen starken internationalen Partner brauchen, um ihre Chancen besser zu nutzen. Die schwache Nachfrage in Deutschland konnten die Bayern bereits im vergangenen Jahr nur durch ihren guten Ruf im Ausland und die Ausweitung des Exports um 11 % ausgleichen. "Die Strahlkraft der Marken Löwenbräu und Franziskaner beispielsweise in Japan ist - verglichen mit unserer Größe - enorm", sagt Kayser-Eichberg. Vor-erst will Spaten-Löwenbräu aber -"solange das eigene Vermögen reicht" - aus eigener Kraft wachsen. Denn Fusionen seien auch immer mit starken Abhängigkeiten verbunden, kann sich Kayser-Eichberg einen Seitenhieb auf Paulaner nicht verkneifen. Der direkte bayerische Konkurrent hat sich mit dem niederländischen Heineken-Konzern bereits eng strategisch verbunden. Die deutsch-niederländische Ehe funktioniert jedoch nicht reibungslos. Paulaner-Chef Axel Meermann musste im März nach kaum zwei Jahren im Amt seinen Hut nehmen.

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