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08.02.2002

07:00 Uhr

Informieren Sie sich doch bitte genau, bevor Sie jemandem Ihr Geld anvertrauen

Kommentar: Ein Test der besonderen Art

VonHolger Nacken

Das Warten hat ein Ende. Endlich gibt es wieder eine aussichtsreiche Neuemission am Aktienmarkt.

DÜSSELDORF. In den nächsten Wochen geht McWhortle Enterprises an die Nasdaq - ein Unternehmen, das technologisch führend auf dem Gebiet der Erkennung von biologisch gefährlichen Stoffen ist und den Weltmarkt mit seinen kompakten Analysegeräten klar beherrscht. Einziges Problem dürfte sein, dass die Banken die Aktien mal wieder nur ihren guten Kunden zuteilen. Privatanleger sollten trotzdem versuchen, bei der Emission schnell dabei zu sein. Früh erteilte Zeichnungsaufträge bei mehreren Instituten erhöhen die Chancen.

Doch Stopp! Wer jetzt bereits die Ordermaske seines Brokers aufgerufen hat, kann sie gleich wieder schließen, sollte sich aber Gedanken über sein Anlageverhalten machen.

McWhortle Enterprises ist eine reine Erfindung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, mit der die Behörde Anlegern die Risiken von allzu leichtfertigen Investments vor Augen führen will. Auf einer geschickt gemachten Pressekonferenz (mit SEC-Chef Harvey Pitt als Thomas McWhortle) und auf einer Internetseite logen die Beamten, was das Zeug hielt. Mit Erfolg: Über 150 000 Besucher innerhalb von drei Tagen interessierten sich für das Unternehmen.

Wer auf der Seite trotz zahlreicher Ungereimtheiten wie anonymer Analysten- und Kundenstatements sowie fehlender Geschäftszahlen eifrig auf "Investieren" klickte, erlitt natürlich keinen Vermögensschaden, sondern musste nur eine freundliche Belehrung über sich ergehen lassen: Informieren Sie sich doch bitte genau, bevor Sie jemandem Ihr Geld anvertrauen.

Die Aktion der SEC ist sinnvoll und notwendig. Denn immer wieder fallen Anleger auf Betrüger herein, die selbst mit den abstrusesten Investmentideen und unrealistischsten Renditeaussichten Erfolg haben. Größeres Misstrauen der Investoren würde ihnen das Geschäft deutlich schwerer machen.

Nicht immer aber schützt den Anleger sorgfältige Information vor Betrug, wie Aktionäre des Enron-Konzerns in diesen Tagen leidvoll erfahren müssen. Beim siebtgrößten Unternehmen der USA haben lange Zeit alle Kontrollmechanismen versagt. Kein Wunder, dass die Verunsicherung unter den Anlegern in diesen Tagen groß ist. Wenn selbst der von einem Wirtschaftprüfer testierten Bilanz nicht mehr zu trauen ist - was soll denn sonst noch als Grundlage für eine Anlageentscheidung herangezogen werden?

Rein akademischer Natur ist dabei die Frage, ob die als besonders transparent geltenden Bilanzierungsrichtlinien des US-GAAP letztlich nicht das halten, was sich die angelsächsisch dominierte Finanzwelt von ihnen verspricht. Wo ein Wille zum Betrug, ist immer auch ein Weg. Das ist wie beim illegalen Kopieren von Software: Kaum ist ein neuer Kopierschutz auf dem Markt, haben Hacker auch schon wieder Möglichkeiten gefunden, diesen zu umgehen.

Niemand zweifelt allerdings ernsthaft am Überleben der Softwarebranche, nur weil das illegale Kopieren von Programmen letztlich nicht komplett zu unterbinden ist. Ebenso ist das Ende der Aktienkultur nicht deshalb angebrochen, weil es immer wieder Vorstände gibt, die der Versuchung erliegen und ihre Bilanzen frisieren. Auch wenn mit Tyco und dem irischen Biotechunternehmen Elan ausgerechnet jetzt weitere Fälle bekannt wurden: Noch sind das zum Glück Einzeltäter. Zur Abschreckung von potenziellen Nachahmern wird allerdings viel von der Frage abhängen, ob die Bilanzbetrüger tatsächlich mit Konsequenzen zu rechnen haben. Dies gilt besonders für Wirtschaftsprüfer, die aus Gewinnsucht ihre standesrechtlichen Grundsätze über Bord geworfen haben.

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