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22.02.2002

08:00 Uhr

Inhalte sind wichtig

Startschuss für GPRS schon lange verhallt

VonUte Latzke (Handelsblatt.com)

Der große Durchbruch von GPRS bleibt noch aus. Bislang fehlen Geräte und die entsprechenden Anwendungen, um auf dem Massenmarkt Erfolg zu haben. Dennoch sehen Experten Chancen für GPRS - unter anderem auch deshalb, weil UMTS noch lange auf sich warten lässt.

DÜSSELDORF. GPRS (Generalized Packet Radio Service) gilt bisher als Hoffnungsträger der Telekommunikationsbranche bis zur Einführung von UMTS frühestens im Jahr 2003. Schnellere Datenübertragung, farbige Handydisplays und Multimediaanwendungen verheißen die lang erwartete Vision vom mobilen Internet endlich wahr werden zu lassen. Und dabei bleibt das Handy online, so dass eine Verbindung nicht jedes Mal wieder erneut aufgebaut werden muss. Ein großer Spaß für Mobilfunkbetreiber, Handyhersteller und den Nutzer - schließlich versprechen sich alle, davon profitieren zu können.

Kaum Geräte - wenig Anwendungen

Bis heute ist der Durchbruch von GPRS jedoch noch ausgeblieben. So unkte das Wall Street Journal Europe am Mittwoch: Ist GPRS der nächste große Flop? Ganz unberechtigt scheint die Befürchtung nicht. Zum einen gibt es noch zu wenig GPRS-fähige Geräte. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben, da die führenden Handyhersteller Nokia und Ericcson den Markt erst Ende des Jahres ausreichend bedienen können. Vorsichtige Voraussagen seitens Ericsson für das Jahr 2002 liegen bei einem Absatz von maximal 50 bis70 Millionen GPRS-Geräten. Und von den rund 10 Millionen GPRS-Geräten, die bis Ende des Jahres 2001 verkauft sein sollten, haben bislang auch nur rund 7 Millionen Geräte Käufer gefunden.

Zum anderen sind potenzielle Investoren laut Wall Street Journal besorgt, dass noch keine profitablen GPRS-Dienste auf den Weg gebracht wurden. Im Gegensatz zu I-Mode (dem Inhalte-Dienst von NTT Docomo, den E-Plus im Frühjahr in Deutschland einführen will) ist GPRS zwar nur ein Übertragungsstandard (rund 64 Kbit/sec) und keine Browser-Plattform zum mobilen Internet. Dennoch hapert es beispielsweise daran, dass von den Betreibern zu wenig GPRS-Verträge angeboten werden oder die Vertragsabschlüsse seitens der Nutzer ausbleiben könnten. So erwartet Ericsson beispielsweise nicht mehr als höchstens 20 bis 40 Millionen Nutzer, die einen GPRS-Vertrag unterschreiben werden.

Der Startschuss für GPRS ist ohne Zweifel überhört worden, was zumindest aus Verbrauchersicht daran liegen mag, dass die Branche zu wenig über die Vorteile und Potenziale von GPRS informiert hat. Der Kunde weiß möglicherweise nichts mit GPRS anzufangen, zumal er - auch im Hinblick auf die kommende Einführung von UMTS - unweigerlich mit der Obsolenz von Verträgen und Geräten konfrontiert werden wird.

UMTS-Verzögerung als Chance für GPRS

Holger Bothmer, Director Mobile Consulting von B2Motion GmbH, hält GPRS grundsätzlich für eine "geniale Idee", weil es auf der Infrastruktur des gängigen GMS-Standards aufliegt und trotzdem paketbasiert ist. Für ihn ist der Kurs der Telekommunikationsunternehmen aber ganz klar: "GPRS wird von den Telekommunikationsunternehmen bewusst nicht entsprechend ausgebaut, weil sie damit der erfolgreichen Einführung von UMTS Steine in den Weg legen würden", sagt Bothmer im Gespräch mit Handelsblatt.com. Außerdem ist die Preisfindung seiner Einschätzung nach bisher völlig untragbar, denn für die Übermittlung von 10 kb müsste der Nutzer 19 Cent auf den Tresen legen, was sich bei einem MB auf 19 Euro summiert. Und die kommen bei einer Multimedia-Übertragung ganz schnell zusammen.

Überblick über GPRS-Tarife hier:

Olaf Deininger, Geschäftsführer von Mediaone, glaubt dass GPRS durchaus eine Chance hat, "gerade weil UMTS immer wieder verschoben wird." Voraussetzung sei allerdings, dass die entsprechende Hardware und ausreichend Anwendungen zur Verfügung stehen. Er ist zuversichtlich, dass alle großen Gerätehersteller die Hardware bei Zeiten anbieten werden. Außerdem "sieht es ganz so aus, als ob auch die Dienste bald kommen", sagt Deininger.

Akzeptanz im Business-Bereich

Der Ansturm auf GPRS-Handys und Verträge mag bei Privatkunden bisher noch ausgeblieben sein. Die Verfügbarkeit von GPRS treibt aber die Mobilisierung der IT-Landschaft in Unternehmen voran. Berlecon Research erwartet eine kräftige Entwicklung des deutschen Marktes für Mobile-Business-Lösungen. In ihrer Studie rechnen die Wirtschaftsforscher bis zum Jahr 2005 mit einem Anstieg des Marktvolumens auf immerhin 1,5 bis 1,9 Mrd. Euro.

Diese Einschätzung teilt auch Hans-Peter Neeb, Senior Consultant bei Young & Rubicam Wunderman. "Für den Geschäftskunden ergeben sich mit der GPRS-Technologie interessante Optionen der einfachen mobilen Datenübertragung mittels Laptop oder PDA", meint Neeb. Die Kostenfrage ist für den Businessbereich auch nicht so bedeutend, wie für den privaten Nutzer. Seiner Einschätzung nach haben die großen Hersteller GPRS ohnehin als Standard in die neuen Geräte integriert, ohne dass dafür unakzeptable Aufpreise anfallen.

Vielmehr ist auch er der Ansicht, dass sich die noch hohen Kosten für die Datenübertragung bei den Privatkunden als Hemmschuh erweisen könnten. "Vermutlich waren die Investitionen für die GPRS-Infrastruktur zu hoch, so dass die Provider sich nur sehr langsam zu realistischen Preisen hinbewegen können", schließt Neeb. Seiner Ansicht nach wird GPRS noch ein ungeahntes Wachstum annehmen und interessante Anwendungsszenarien hervorbringen.

Doch ein Flop?

"GPRS ist ein Flop", lautet hingegen das Fazit von Patrick Sturm, VP Products & Operations UB-Mobile. Er vertritt die Ansicht, dass diese Technologie die grundsätzlichen Möglichkeiten des mobilen Internets nur geringfügig verändert. Die Übertragungsraten seien für Multimediaanwendungen immer noch zu gering, die Preise für die Übermittlung hingegen viel zu hoch. "GPRS gibt es bei D1 ja schon seit letztem Sommer. Die Nutzerzahlen haben sich aber nicht erheblich verändert. Und letzte Woche habe ich über zwei Stunden versucht, ein GPRS-Handy in einem schweizer Netzwerk ans Laufen zu bringen. Es hat nicht funktioniert, und das Call Center konnte mir auch nicht weiter helfen", teilt Sturm Handelsblatt.com mit.

"Nicht die Kochplatten sind wichtig, sondern die Zutaten"

Maria Zimmermann, Managing Director beim Marktforscher Logica Consulting GmbH, ist der Ansicht, dass der Erfolg von GPRS stark davon abhängt, wie die angebotenen Dienste und das Preismodell aussehen. "Stellen Sie sich einen Küchenherd vor. Der Erfolg des Abendessens hängt nicht vorrangig davon ab, ob man mit traditionellen Kochplatten (GSM), einem Ceranfeld (GPRS) oder gar mit Induktionskochfeldern (UMTS) kocht. Vielmehr hängt die Zufriedenheit der Gäste maßgeblich von den Zutaten (Inhalte), der Kochkunst (Inhalte-Aggregation und Dienstveredlung), der Menüzusammenstellung (Dienstporfolio) und nicht zuletzt auch von der Dekoration (Marketing/Kommunikation) ab", macht Zimmermann deutlich. Probleme sieht sie bei der Transparenz der Kosten für die zukünftigen Dienste. Denn dem Nutzer sei noch nicht klar, welche Informationen er für ein bestimmtes Datenvolumen erhält und wie sich die Kosten dafür zusammen setzen. "Die Mobilfunkbetreiber haben dieses Problem aber schon in Angriff genommen", weiß Zimmermann.



Schreiben Sie der Autorin: u.latzke@vhb.de

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