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23.01.2003

19:04 Uhr

INSIDE WALL STREET

Christo verpackt... die New Yorker Börse!

VonLars Halter (Wall Street Correspondents, Inc.)

Seit 1979 haben sie dafür gekämpft, jetzt hat es endlich geklappt: Christo und Jeanne-Claude dürfen den New Yorker Central Park verhüllen. Das Projekt ist für 2005 vorgesehen, bis dahin könnten die beiden Verpackungskünstler ein paar Meter südlich üben und vielleicht die Börse einpacken. Der stünde ein bescheidenes Mausgrau gut zu Gesicht - es könnte das tiefe Rot verdecken, das zur Zeit den Ort beherrscht.

NEW YORK. Dem Künstlerpaar wäre an der Wall Street ein wärmerer Empfang sicher, als man ihn ursprünglich im Rathaus der Stadt New York hatte. Dort wurde das Projekt über zwanzig Jahre lang belächelt, verschoben, verdrängt - den Central Park zu verhüllen, die Grüne Lunge der Millionen-Metropole, das konnten sich viele nicht vorstellen. Downtown ist man ganz anderes gewöhnt.

Auf den US-Börsen liegt ja schon seit drei Jahren ein düsterer Schleier, der Bärenmarkt. Abwärts geht?s. Und wer sich durch das Börsendickicht kämpft und in die Zukunft blicken will, der kommt sich oft vor wie ein Bühnenarbeiter hinterm Vorhang, der noch einmal ins Publikum blicken will: Kaum glaubt er einen Spalt im Stoff gefunden zu haben, entpuppt sich auch der wieder nur als eine neue Falte, der Ausgang bleibt unauffindbar. - Vielleicht gibt es keinen.

Keinesfalls dürfte der Vorhang um die New York Stock Exchange aus dem metallisch schillernden Stoff sein, mit dem sich vor Jahren der Berliner Reichstag schmückte. Denn auch eine matte Politur wäre zu prächtig, um die wahren Verhältnisse des Ortes zu erklären. Vielmehr wäre grauer Filz angemessen, der auch die Strukturen am wichtigsten Finanzplatz der Welt symbolisieren würde.

Allzu dick dürfte der Filz indes nicht sein, er müsste ja noch Luft durch lassen. Vor allem die heiße Luft, die Analysten vor sich her blasen. Und durch einen Abzug auf halber Höhe müssten zudem die dicken Schwaden fahren können, die Experten seit Monaten jeden Ausblick nehmen. Kein Statement kommt aus den Büros der CEOs und Finanzchefs und aus den Stuben der Analysten, in denen nicht das Wort "foggy" auftaucht - "neblig" sei die Zukunft, Prognosen seien nicht mehr zu treffen.

Wenn einmal der Nebel abgezogen ist, und wenn jemand den Filzmantel wieder abnimmt, dann dürfte es auch wieder aufwärts gehen mit den Börsen. So lange sich Unternehmen aber nicht in der Lage sehen, Quartalsprognosen abzugeben, und solange nicht nur Analysten, sondern auch Anleger im Trüben fischen und daher eine Enttäuschung nach der anderen einstecken müssen, ist eine Trendwende nicht zu erwarten.

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