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27.01.2003

19:11 Uhr

Inside Wall Street - die Börsenkolumne aus New York

Kolumne: Blix-Rede hilft Anlegern nicht weiter

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Zum Wochenauftakt an der Wall Street zeigt sich, wie schwer das Thema Irak auf den US-Börsen lastet. Vor der Rede von Hans Blix vor dem UN-Sicherheitsrat spiegelten schwache Kurse die Unsicherheit am Markt wieder. Nach der Rede fallen die Kurse steil ab, weil die Interpretationen zu Blix weit auseinander gehen und die Unsicherheit nun noch größer ist.

In der Tat bot der Chef der UN-Waffeninspekteure am Morgen Kritikern und Befürworten eines Irak-Kriegs ausreichend Stoff für eine weitere Argumentation ihrer Gangart - und machte darüber hinaus nur eines deutlich. Eine abschließende Meinung zur Situation im Irak wollen die Inspekteure zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht formulieren, sie fordern mehr Zeit und zwar "einige Monate". Den UN-Generalsekretär Kofi Annan wissen sie dabei hinter sich, und einige Mitglieder des Sicherheitsrates sowieso, darunter Deutschland und Frankreich.

Im Weißen Haus sieht man das indes ganz anders. Dass Blix berichtete, der Irak sei teilweise den Forderungen in der Irak-Resolution der Vereinten Nationen nicht nachgekommen und habe seinen Willen zur bedingungslosen Abrüstung nicht klar genug verdeutlicht, reicht Präsident Bush für eine Kriegserklärung. Der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, fasste das am Mittag in harsche Worte: "Wir wollen nur wissen, ob der Irak kooperiert. Wenn die Antwort ,teilweise Ja? lautet, dann lautet sie ,Nein?."

Auch Blix ist unterdessen noch nicht ganz zufrieden mit dem Vorankommen vor Ort. Er deutete an, der spektakuläre Fund mehrerer Sprengköpfe in der vergangenen Woche könne durchaus die "Spitze eines Eisberges" sein, auch sei man sich nicht über den Verbleib mehrerer Tausend Tonnen des chemischen Nervengases "VX" im klaren und bezweifele eine Erklärung des Iraks, die Bestände am Milzbrand-Erreger Anthrax vollständig vernichtet zu haben.

Doch was den US-Botschafter zu den Vereinten Nationen John Negroponte zu der allgemeinen Feststellung veranlasst, der Irak habe "die Forderungen der UN nicht erfüllt", gestaltet sich für andere Beobachter als ein komplexeres Problem.

Der Tatsache, dass der Irak in Sachen Abrüstung nicht auf dem geforderten Stand sei, stellt Blix ausdrücklich entgegen, dass sich das Regime Hussein formal an die Forderungen der Völkergemeinschaft halte, und dass man Zugang zu allen Labors, Häusern und Palästen erhalten habe. Gegenüber der vergangenen zehn Jahre ist das ein Fortschritt.

Auf dem Parkett filtert man aus der Rede von Blix nur eine Schlussfolgerung: Die UN-Inspekteure brauchen mehr Zeit, um sich bei ihrer Arbeit im Irak ein zuverlässiges Bild zu machen. Für den Markt ist das nicht gut. Obwohl man weder in den Dow noch in die Nasdaq die schlimmsten Kriegsszenarien eingepreist hat, wie zahlreiche Analysten seit Wochen spekulieren, dürfte ein Krieg den Markt letztlich weniger belasten als die anhaltende Unsicherheit. Die Angst, nicht zu wissen worauf in Zukunft zu bauen ist, schlägt sich in den Kursen zum Wochenauftakt nieder: Der Dow hat nur wenige Minuten nach der Blix-Rede die Marke von 8 000 Punkten im freien Fall durchbrochen - um einen technischen Widerstand scherte sich der Index nicht -, und notiert auf dem niedrigsten Stand seit Mitte Oktober. Neuen Tiefständen hat der Markt zur Zeit wenig entgegenzusetzen.

Etwas mehr Klarheit erhofft man sich von Präsident Bushs Rede zur Lage der Nation, die am Dienstagabend um 21 Uhr (Ortszeit, 3 Uhr MEZ) aus dem Weißen Haus ausgestrahlt wird. Allerdings dürfte Bush lediglich noch einmal begründen, warum die USA in einen Krieg mit dem Irak treten müssen. Dann ist angesichts des auch im eigenen Land stärker werdenden Gegenwinds und der immer noch im Raum stehenden Zeitfrage wieder nichts gesagt und die Börse steht wieder mit vielen Fragen und ohne Antworten da.

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