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17.03.2003

19:29 Uhr

Inside Wall Street - die Börsenkolumne aus New York

Kolumne: Was passiert, wenn die Kanonen donnern

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Wenn US-Präsident Bush seinem Irak-General Tommy Franks den Einsatzbefehl gibt, dann könnte alles ganz schnell gehen. Im Golf und an der Börse. Trader machen sich Stunden vor der Bush-Rede am Montagabend Gedanken, was in den ersten 24 Stunden eines Krieges passieren könnte.

Aus militärischer Sicht ist das Szenario ziemlich klar. Das Pentagon hat erste Strategien schon lange bekannt gegeben, alle möglichen Experten haben Ergänzungen geliefert. In den ersten Minuten des Krieges dürften massenweise Bodenkommandos aus ihren Lagern in der Wüste springen, während von fünf Flugzeugträgern in Persischen Gold und im Roten Meer Bomber abheben, die mit schwerem Geschütz und Satelliten gesteuerten Waffen auf Bagdad zufliegen. "Dieser Prozess ist festgeschrieben", erklärt der Militärfachmann Tom Donelly vom American Enterprise Institute, einem Think Tank in Washington. "Es geht praktisch nur noch darum, den Schalter umzulegen."

Wenn der Schalter umgelegt ist, dann wird Amerika einen weiteren TV-Krieg erleben. Die ersten Bilder aus Irak dürften denen aus dem ersten Golfkrieg gleichen: Durch den Nachthimmel leuchten Geschosse, und es zucken Blitze - ein näheres Bild zu übermitteln wird Sache der Kommentatoren bleiben. Diese dürften sich außerhalb der Bombenangriffe vor allem auf eines konzentrieren: auf den Zustand der Ölfelder.

Was mit den Ölfeldern passiert ist für den Markt ebenso interessant wie das eigentliche militärische Vorankommen der US-Truppen. Sollten die Ölfelder verloren gehen - wenn Saddam Hussein sie anzündet -, dann würde das zum einen den Wiederaufbau des Irak um rund 40 Mrd. $ teurer machen, zum anderen würden die Amerikaner das eine verlieren, was sie letztlich in die Wüste treibt. Die Mär vom Kreuzzug der Demokratie ist angesichts der Verbindungen der Regierung Bush mit der Öl-Industrie ja seit geraumer Zeit hinfällig.

In Washington ist man optimistisch. "Wir haben Strategien ausgearbeitet, die unsere Truppen die Ölfelder sichern und schützen lassen", heißt es in einem Statement aus dem Pentagon. Trader sind indes verunsichert. "Meiner Meinung nach ist Saddam Hussein ,Mister Verbrannte Erde? persönlich", meint Phil Flynn von Alaron Trading unter Bezugnahme auf die mehr als 700 Quellen, die der irakische Diktator vor dreizehn Jahren angezündet hatte.

Den Tradern geht es unterdessen nicht darum, dass der Rauch der Ölfelder die Sicht der US-Piloten behindern und Angriffe erschweren könnte. Das scheint auch kein großes Problem zu sein, da zahlreiche Satelliten gesteuerte Systeme ihre programmierten Ziele auch im Blindflug finden, und da stellenweise ohnehin mit Flächenbombardements zu rechnen ist. Auf dem Parkett hat man vielmehr den Ölpreis im Blick.

Der dürfte in den ersten Stunden des Krieges rapide steigen - Experten gehen von einem Sprung um bis zu 7 $ pro Barrel aus -, und dann wieder abkühlen, wenn Saudi Arabien eine Erhöhung der eigenen Förderquoten erklärt hat. Für eine solche wird man von Seiten Washington sorgen. Ein erster Schritt in Richtung Einflussnahme auf den Verbündeten im Golf war der Besuch von US-Energieminister Spencer Abraham bei der jüngsten OPEC-Sitzung vergangene Woche in Wien.

An den Börsen - sowohl für die Futures als auch für die Aktien - wird sich der Krieg zuerst in Asien auswirken. Das zeitliche Fenster für den Beginn der Angriffe auf den Irak würde frühestens auf den nachbörslichen New Yorker Handel fallen. Die japanischen Märkte wären dann die ersten, an denen sich Dollar und Ölpreis unter Einfluss des Krieges bewegen dürften, danach öffnen die maßgeblichen Börsen in Frankfurt, London und schließlich erst die Wall Street.

Einzelne Aktien, die sich in den ersten Stunden extrem bewegen dürften, kommen aus der Rüstungsbranche. Papiere von Lockheed Martin, Northrop Grumman, General Dynamics oder auch vom Dow-Wert Boeing dürften drastisch zulegen. Einen fundamentalen Grund hat das nicht unbedingt, weil die Aktien ihre Rallye in Folge der Erhöhung des Wehr-Etats im vergangenen Jahr längst hinter sich haben. Aber Psychologie spielt eben auch eine Rolle, und vielen Anlegern dürften Rüstungsaktien zu Beginn eines Krieges besonders attraktiv erscheinen.

Abwärts dürfte es unterdessen für die Fluggesellschaften geben. Die zivile Luftfahrt, die seit den Terroranschlägen des 11. September ohnehin unter schwacher Nachfrage leidet, wäre von einem Krieg noch einmal schwer betroffen. Sowohl in den USA als auch in Übersee dürfte der Verkehr noch einmal stark zurückgehen, manches ohnehin gebeuteltes Unternehmen dürfte im Krieg untergehen.

Ebenfalls Auswirkungen auf die Börse dürften sicherheitspolitische Maßnahmen innerhalb der US-Grenzen sein. Wird die Terror-Alarmstufe noch einmal von "Gelb" auf "Orange" angehoben, dürfte dies den Markt wieder belasten. Wahrscheinlich ist das, zumal Warnungen an so genannte "weiche Ziele" - also Einkaufszentren, Fußgängerzonen oder Freizeitparks - laufend erneuert werden.

Eine erhöhte Alarmstufe bringt erhöhte Sicherheitsmaßnahmen mit sich, die in den ersten Stunden eines Krieges zu Verspätungen im amerikanischen Arbeitsalltag führen dürften. Der Verkehr auf den Highways dürfte stellenweise zum Erliegen kommen, da die Polizei vor Brücken und Tunnels massive Kontrollen unternehmen wird. Viele Unternehmen werden Umfragen zufolge ihren Mitarbeitern "kriegsfrei" geben, was der Produktivität schadet - wie weit diese während eines laufenden Krieges beeinträchtigt ist, bleibt abzuwarten.

Auch die Medien werden die Auswirkungen des Krieges zu spüren bekommen. Einerseits wird die Nation vor den Fernsehern hängen, um im Minutentakt auf den neuesten Stand gebracht zu werden, andererseits dürften massiv Werbeschaltungen ausfallen, was die Sender viel Geld kostet. Die meisten haben bereits Millionen in den Krieg investiert und Journalisten vor Ort mit Spezialausrüstung bis hin zu eigens eingerichteten Hummer-Mobilen ausgestattet.

Der massive Medieneinsatz vor Ort wird die Wall Street noch volatiler machen als sie in den vergangenen Monaten ohnehin schon war. Darum ist eines klar: In den ersten 24 Stunden nach Kriegsbeginn wird auf dem Parkett die Hölle los sein - und langfristige Tendenzen werden sich nicht ablesen lassen. Denn minütlich werden Nachrichten und Kommentare von der Front und aus Washington das Weltbild und die Kurse verändern.

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