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02.01.2003

19:02 Uhr

Inside Wall Street

Kolumne: 2003 – neues Spiel, neues Glück?

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Happy New Year? - So sieht es aus an den US-Börsen. Kaum war am Morgen die Eröffnungsglocke verhallt kletterten die Indizes. Und kletterten und kletterten... um über 200 Punkte verbesserte sich der Dow, um mehr als 30 die Nasdaq. Am ersten Handelstag des neuen Jahres dürften Anleger Gewinne von 2,5 bis 3 % für die großen Indizes sehen. Die Frage des Tages ist: Was heißt das für die nächsten zwölf Monate?

NEW YORK. Der Zusammenhang zwischen den ersten Handelstagen eines neuen Jahres und der Bilanz 12 Monate später wird von Analysten schon länger und ernsthafter verfolgt als die viel zitierten und belächelten Indizes, die sich über Super-Bowl, Lippenstift und Hafersack Gedanken machen. Gewinne an den ersten fünf Handelstagen deuten auf ein starkes Jahr, munkelt man auf dem Parkett - die alten Hasen berufen sich auf jahrzehntelange eigene Erfahrungen, die Jungen zitieren aus dem Almanach. Ein Zusammenhang zwischen dem ersten Handelstag und dem Gesamtjahr ist statistisch nicht erfasst, wird an der Wall Street aber in alle Richtungen diskutiert.

"Jetzt geht?s los", jubelt noch mancher und hofft, dass der schon für das vergangene Jahr angekündigte Umschwung nun einsetzt. Einen Gang zurück schalten die Bären, die während der Rally an die satten Gewinne nach dem 11. September 2001 erinnern, die den US-Markt zu schnell zu stark machten und danach wieder abstürzen ließen - steiler denn je.

Mit konkreten Zahlen hält sich die Mehrheit der Beobachter indes zurück. Zu bitter schmeckten die Einsichten, im vergangenen Jahr ganz gehörig daneben gelegen zu haben. Sei es die ewig bullishe Abby Joseph Cohen, die im Namen von Goldman Sachs anfangs 2002 ein Jahr mit dickem Plus prophezeite, oder sei es der UBS-Mann Ed Kershner, der den marktbreiten S&P 500 auf einen Silvesterstand von 1 570 prognostizierte. Er lag damit ganze 78 % über den schmerzhaften 879,82 Punkten, die der Index zum Jahresende zeigte. "Kauf dir mal eine neue Kristallkugel", höhnt das Wall Street Journal am Donnerstag. Der Analyst als Hellseher im Jahrmarktszelt, dieses Bild wurde im vergangenen Jahr so deutlich gezeichnet wie nie zuvor, nun hält sich die Branche zurück.

Einige Mutige wagen sich dennoch vor, von denen zwei mit besonders beachtenswerten Tipps herausragen. Da ist zum einen der Wirtschaftsautor James Glassman. Der hatte zuletzt den Dow auf 36 000 Zählern gesehen - damit lag er dann weiter daneben als alle seine Kollegen zusammen. Dennoch glaubt er weiter an seine Ideen und Expertise und sieht sich als Heilsbringer für den Anleger. In einem Buch will er Anlegern erneut zeigen, wie sie im aktuellen Umfeld Geld machen können. Dabei ist er nach Markt und Leser wohl der lachende Dritte. 25 Dollar kostet sein Wälzer, von dem ernsthafte Anleger hoffentlich die Finger lassen.

Ganz anders prognostiziert Robert Prechter den Markt in 2003. Seine Marke für den Dow auf Jahresfrist lautet 800 Punkte - der Mann wartet auf einen Crash. Das tut er nicht zum ersten Mal, Recht hatte er noch nie.

Angesichts solcher Prognosen und dem Schweigen einiger moderater Experten sei vor allem davor gewarnt, den Extremisten Gehör zu schenken. Die bekommen dank ihrer kontroversen Ansichten und oft unterhaltsamer Begründungen mehr Sendezeit im Börsenfernsehen und sie werden in Kolumnen genannt (wie ja auch in diesen Zeilen.) Glassman und Prechter gehören an die Börse wie der Clown in den Zirkus. Ihre Prognosen werden gerne gehört, aber nicht ernst genommen.

Um bei dem Bild zu bleiben: Der Vorhang ist aufgezogen, die Show "Wall Street 2003" hat begonnen. Sie läuft zwölf Monate lang und dürfte erneut viel mehr als ein dröges Zahlenkauen sein. Zu den spannendsten Auftritten dürfte der einer mysteriösen neuen Aufsichtsbehörde unter dem Dach der SEC gehören, die seit sechs Monaten probt und ihre Premiere andauernd verschiebt.

Für Action dürfte George W. Bush sorgen, der am Donnerstagmittag eine Journalistin nach ihrem Auftakt "Wenn wir nun doch Krieg haben..." mit der launigen Gegenfrage "Mit welchem Land?" unterbrach.

Einen spannenden Seiltanz erwartet die Wall Street von Alan Greenspan. Und wer im US-Finanztheater Einrad fährt, Feuer spuckt, mit Messern wirft oder Kaninchen aus dem Hut zaubert, das gehört zu den Geheimnissen der neuen Show.

Eines ist im Vorfeld klar: "Wall Street 2003" dürfte erneut zu den teuersten Produktionen des Jahres gehören. Völlig offen ist hingegen, mit wie viel Publikum die Macher rechnen dürfen. In der Neujahrsnacht spielten finanzielle Gedanken bei den Amerikanern nur eine untergeordnete Rolle. Laut einer nicht repräsentativen Umfrage des Online-Providers AOL hat sich ein gutes Drittel dem Sparen verschrieben. Fast die Hälfte der Amerikaner hatte einen Neujahrsvorsatz, der mit der Börse nichts zu tun hat - im Gegenteil: Man will abnehmen.

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