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10.01.2003

07:59 Uhr

Inside Wall Street

Kolumne: Der Kunde kauft nicht, der Aktionär trotzdem

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Die Wall Street will nach oben, und offensichtlich hat man sich zum neuen Jahr einen ganz besonderen Vorsatz gefasst: Wir kaufen, auch wenn überhaupt nichts dafür spricht. Am Donnerstag ist das so, und der Trend fällt vor allem im Einzelhandel auf, wo die Aktien eifrig klettern, obwohl die Umsatzzahlen zum Teil befriedigend, zum Teil schlicht erschreckend sind.

NEW YORK. Die guten Nachrichten zuerst. Also,... Moment... ach ja, hier: JC Penney weist für den Dezember ein Umsatzplus von 3,4 % aus. Das könnte zwar daran liegen, dass die Billigkette seit Jahren Marktanteile verloren und schwache Umsatzzahlen veröffentlicht hat und also niedrige Vergleichzahlen zu schlagen waren, aber ein Plus ist halt ein Plus.

Bei Sears unterdessen fielen die Umsätze lediglich um 4,6 % - und damit um etwas weniger als Experten befürchtet hatten.

Beim weltgrößten Einzelhändler sind die Umsätze in Läden, die schon länger als ein Jahr geöffnet sind, um 3 % gestiegen. Das ist ebenso hoch wie das Management angekündigt hatte - nachdem man im Dezember angesichts eines erschütternd schlechten Weihnachtsgeschäfts zweimal die Erwartungen gesenkt hatte. An den Prognosen für das Quartal hält man nun fest - sie sind von einem ursprünglich angepeilten Wachstum von bis zu 5 % ja ohnehin auf nur noch 2 bis 3 % geschrumpft.

An "guten" Nachrichten war?s das dann auch schon - durchaus dürftig zwar, aber einigen Optimisten reicht?s offensichtlich.

Nun zu den wirklich schlechten Nachrichten, aus denen selbst euphorische Beobachter nur mit Mühe Kauflust destillieren können. Die Modekette Ann Taylor bilanziert ein Umsatzminus im Dezember von 14 %. Der Spielzeughändler Toys R Us wird nach einem Umsatzrückgang um 1 % wohl die Quartalsprognosen verfehlen, auch beim Department Store Kohls läuft man den Erwartungen chancenlos hinterher. Der teure Ausstatter Williams-Sonoma warnt für das Quartal ebenso wie die Luxusmodekette Saks, und sogar der Discounter Target, der in Zeiten einer schwachen Konjunktur bislang noch ganz gut lief, erklärt seine Prognosen für "gefährdet".

Wie desolat der amerikanische Einzelhandel wirklich da steht, zeigt der historische Rückblick. Mit einem Umsatzplus von 1,5 % im Weihnachtsgeschäft bilanziert die Branche die schlechteste Saison seit mehr als dreißig Jahren. Das geht aus den Berechnungen der Bank of Tokyo-Mitsubishi und der UBS Warburg hervor, die gemeinsam den zuverlässigsten Einzelhandels-Index betreuen.

Analysten sind ratlos: "Das Weihnachtsgeschäft war nun noch schwächer als wir ohnehin befürchtet hatten", meint Martin Bukoll von Northern Trust. "Die Ergebnisse auf Jahressicht werden wohl enttäuschend ausfallen." Für die meisten Einzelhändler geht das Fiskaljahr mit dem 31. Januar zu Ende - danach dürften sich viele CEOs und Finanzchefs warm anziehen, denn Aktionäre dürften unangenehme Fragen stellen.

Apropos warm anziehen - vielleicht trägt ein neuer Konkurrent zu den Umsatzrückgängen in der Branche bei: Apple. Der Computerbauer hat jetzt einen Anorak vorgestellt, der dem winterlich eingemummelten Kunden nicht nur Wärme bietet sondern auch Entertainment. In der Innentasche steckt der iPod, über eine Eingabefläche auf dem rechten Ärmel lassen sich 3000 Songs direkt anwählen, die dann digital ins Ohr strömen und die Zeit am Skilift verkürzen oder beim einsamen Spaziergang für gute Laune sorgen.

Doch ein Blick auf die Wintermode in New Yorks Straßen deutet nicht gerade auf einen erfolgreichen Markteintritt Apples in der Bekleidungsbranche hin - der Anorak dürfte ein Sammlerstück für Tech-Freaks bleiben. Für ganz andere Freaks schneidert unterdessen Hot Topic mit Erfolg. Die Teenie-Kette hat sich auf die Jünger der "Goth-Kultur" spezialisiert und bilanziert für Dezember ein Umsatzplus von 10,6 %. Es ist durchaus vorstellbar, dass Eltern heutzutage den Kids die düstere Mode durchgehen lassen, weil sie ihre Konjunktursorgen reflektiert.

Andererseits scheint man an der Wall Street so besorgt nicht zu sein. Die Aktien der Einzelhändler gehören wider Erwarten zu den stärksten Papieren im Donnerstagshandel. Der Branchenindex steht mit 2,6 % im Plus, einzelne Unternehmen stehen mit 5 bis 8 % im Plus.

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