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05.02.2003

19:45 Uhr

Inside Wall Street

Kolumne: Frühe und starke Reaktionen auf Powells Rede

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

Als der deutsche Außenminister Joschka Fischer gegen 10.30 Uhr am New Yorker Vormittag seinem amerikanischen Amtskollegen Colin Powell das Wort gab, hatten die US-Börsen plus/minus Null notiert, eine Viertelstunde später hatte der Dow gute 100 Punkte zugelegt, die Tendenz ist stabil. Was war passiert?

Colin Powell hatte eine sehr gute Rede begonnen. Seine Einführung in die Irak-Problematik war kurz - sie ist im Sicherheitsrat hinreichend bekannt -, Powell legte gleich zu Beginn die Beweise vor, die Präsident Bush angekündigt hatte und die den Vertretern im Völkerbund klar machen sollten, dass sich Saddam Hussein und dass sich der Irak nicht an die Forderungen der UN-Resolution 1441 halten. Tatsächlich untermauern Protokolle abgehörter Telefongespräche zwischen hohen irakischen Militärs den Verdacht, dass das Regime Bio- und Chemiewaffen sowie die entsprechende Labore besitzt, und dass man diese vor den Inspekteuren (erfolgreich) versteckt.

Da fragt ein Offizier einen Vorgesetzten zwei Tage vor Ankunft der UN-Abordnung im Irak im zurückliegenden November, was man denn sagen solle, wenn die Inspekteure die mobile Waffenschmiede entdecken würden, die man noch aus Beständen der al-Kindi hätte. Die Aktivitäten des geheimen irakischen Rüstungskonzerns werden vom Ausland seit langem mit Argusaugen verfolgt.

Da befiehlt ein hochrangiger Militär einem anderen, in künftigen Gesprächen die Worte "chemische Kampfstoffe" zu vermeiden, vor allem in Gesprächen im Mobilnetz, das leicht abgehört werden könnte.

Da zeigen Satellitenfotos eine Chemiewaffenfabrik und ein Munitionslager bei der Stadt Taji, das am 10. November in vollem Betrieb war, und das auf einer Aufnahme von 22. Dezember, dem Tag des UN-Besuches, völlig ausgeräumt und gesäubert da steht. "Wir haben Beweise für solche Aufräumaktionen in mindestens 30 entsprechenden Anlagen", so Powell.

So spricht also alles dafür, dass der Irak die UN-Resolution nicht befolgt, dass er Massenvernichtungswaffen hat, dass er die Inspekteure an der Nase herum führt. Doch ist damit nur für die USA das weitere Vorgehen geklärt. Die einzig verbliebene Weltmacht denkt in einer festen Spur: Wenn der Irak nicht mitspielt, dann marschieren wir ein. Wer so denkt, der hat am Mittwoch Grund, Aktien zu kaufen, denn Powell trägt noch einmal die Beweise vor, die Iraks ablehnende Position gegenüber der Völkergemeinschaft belegen.

Die Bündnispartner denken unterdessen auf einer anderen Schiene. Dass der Irak nicht kooperiert, ist ihnen nicht neu. Der Chef der Kommission, Hans Blix, hat bereits erklärt, dass man wiederholt auf Schwierigkeiten gestoßen sei, dass es Verzögerungen gegeben habe, dass der Irak den UN-Spionageflugzeugen den Überflug nicht erlaube, dass Wissenschaftlern nicht erlaubt sei, den Inspekteuren Auskunft zu geben. Für die UN stellt sich eine andere Frage: Wie und wie lange ist ein Krieg dennoch vermeidbar? Alternativen gibt es: Die Waffeninspekteure fordern mehr Personal und mehr Zeit - eine Mehrheit im Sicherheitsrat will auf die Experten hören.

Insofern scheint der positive Ausschlag der Börsen wieder einmal verfrüht zu sein. Denn der Börse geht es in der Irakfrage überwiegend um eines: Gibt es einen Krieg oder nicht? - In dieser Frage ist man am bislang keinen Schritt weiter gekommen. Lediglich die viel beschworenen "rauchenden Revolver" hätten wohl die UN dazu bewegen können, sich nun doch hinter die USA zu stellen, was einen Militärschlag beschleunigt und ganz offensichtlich der Börse Auftrieb gegeben hätte.

"Powells Rede hat die Koalition gestärkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Krieg haben werden, ist nun gestiegen", interpretiert Peter Cardillo, der Chefstratege von Global Partner Securities. Ihm darf widersprochen werden.

Vielleicht hängt seine Fehlinterpretation ebenso wie die der breiten Masse der Anleger mit der Politik der Desinformation zusammen, die die US-Medien am Mittwoch so eifrig verfolgen, als stünden sie im Auftrag der Regierung. Der Börsensender CNBC übertrug die Rede Powells in voller Länge, kaum gab Joschka Fischer das Wort an die Außenminister der übrigen Länder im Sicherheitsrat, schaltete man um. Bei CNN unterdessen würde weiter übertragen, doch auch hier war von neutrale Beobachtung keine Rede. Pro-amerikanische Beiträge wurden am unteren Bildschirmrand zusammengefasst und immer wieder beleuchtet, während hingegen die Vertreter von China und Russland sprachen, wurden weiterhin Redeauszüge von Powell und seinem britischen Kollegen xy gefahren.

Vielleicht hat dies auf dem Parkett den Eindruck vermittelt, die UN schwenke auf den Kurs der USA ein. Doch damit könnte man sich getäuscht haben.

Die Sitzung dauert zur Stunde an. Sie wird schließen mit einem Statement des Ratspräsidenten Fischer, gefolgt von einem Statement des irakischen Botschafters zu den UN. Die Vertreter aller Länder im Sicherheitsrat werden danach gemeinsam zu Mittag essen, dabei werden sie noch einmal von den Waffeninspekteuren Blix und El Baradei informiert. Letztere werden auch am 14. Februar noch einmal vor dem Gremium aussagen.

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