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14.03.2003

18:28 Uhr

Inside Wall Street

Übertriebene Gewinne nach Bushs „Friedensrede“

VonLars Halter

Die US-Börsen setzen ihre Rallye vom Donnerstag fort, doch sind die Kursgewinne nur auf den ersten Blick rein technischer Natur. Das zeigt ein Blick auf die Charts der ersten beiden Handelsstunden. An Schwung gewonnen hat die Wall Street durch eine Rede von Präsident Bush - der Frieden im Nahen Osten will. Kaufen muss man deshalb noch nicht.

George W. Bush hatte am frühen Morgen eine Rede im Rose Garden angekündigt, dem geschichtsträchtigen Gärtchen hinter dem Oval Office. Auf dem Parkett brodelte die Gerüchteküche, und den Futures war dies anzusehen. Die kletterten, da zunächst verlautete, der US-Präsident werde von der zweiten Irak-Resolution Abstand nehmen, die er gemeinsam mit Großbritannien beim Sicherheitsrat einreichen wollte, und die einen gewissen Automatismus in die Debatte um einen militärischen Angriff im Golf enthalten hätte.

Dieses Gerücht war ebenso falsch wie unsinnig. Schon Stunden vorher hatte man aus dem Weißen Haus vernommen, dass Bush sich am Sonntag auf den Azoren mit seinen Verbündeten Blair und Aznar treffen wolle, um das weitere Vorgehen zu beraten - eine klare Absage an eine Resolution wäre vorab unlogisch gewesen.

Und selbst wenn sie gekommen wäre, dann wäre dies nicht Kind eines neuen Pazifismus in Washington gewesen, sondern eine vorgreifende Konsequenz darauf, dass Bush zum einen keine Mehrheit für seine Resolution bekäme, zum anderen mit den Veto-Stimmen von Russland und Frankreich rechnen muss. Beides hätte nicht für ein Umdenken, nicht für Stärke gesprochen - weder für Bush, noch für den Markt.

Was Bush schließlich zu sagen hatte, war, dass er gemeinsam mit Russland, den Vereinten Nationen und der Europäischen Union eine "Roadmap to Peace", eine Wegbeschreibung zum Frieden im Nahen Osten - also in Israel und Palästina - erarbeitet haben will. Diese wolle man beiden Ländern geben, sobald Palästina einen Premierminister benannt hätte, der sich die Machtbefugnisse mit dem jetzigen Führer Yassir Arafat teilen soll.

Bush bemüht sich um Frieden im Nahen Osten? - Das hörte sich gut an. Für einen Moment strahlte der Führer der Freien Welt im Licht eines Staatsmanns, der sich um höhere Ziele kümmert als um einen schnellen Krieg in der Wüste und Bomben auf Bagdad. Doch während die Börse schon mal kletterte, war dieser Moment für kritische Beobachter schon vorbei. Und das hatte mehrere Gründe:

Zum einen ist das plötzliche Engagement Bushs als Friedensvermittler so dermaßen fadenscheinig, dass eigentlich keine weitere Zeile darüber verloren werden sollte. Getan sei dies trotzdem: Bush will sich mit seinem Vormarsch im Sicherheitsrat weitere Stimmen sichern, er will von seinem Angriffskrieg gegen den Irak ablenken, den er in seiner Rede im Rosengarten auch mit keinem Wort erwähnte.

Darüber hinaus ist es auch noch naiv, wie sich Bush eine Kooperation im Nahen Osten künftig vorstellt, und die Geschichte zeigt, dass der Weg zum Frieden nicht etwa ein "an der nächsten Ampel links, und dann immer gerade aus" ist, sondern dass es Jahre und Jahrzehnte dauern dürfte, die weitenteils bis aufs Blut verfeindeten Staaten einander näher zu bringen. Man war ja schon einmal so weit, in den Neunzigerjahren - dorthin zurückzufinden ist nicht leicht.

Insofern waren die Reaktionen der Börse auch wieder übertrieben, in einem allgemein nervösen Umfeld und angesichts einer Super-Rallye am Vortag mag man Investoren ihren Eifer jedoch nachsehen - zumal sich der Dow am Mittag bei einem kleinen Plus einpendelt, was ein vernünftiger Wochenschluss wäre.

In der nächsten Woche stehen an der Wall Street die Zeichen wieder auf "rot". Vor dem Sicherheitsrat gehen die Diskussionen um einen Krieg weiter, Gespräche um Frieden dürften zweitrangig sein. Auch werden im Folge des Rallye am Montag wieder Shortseller in den Markt gehen, womit die jüngste Kletterparte Geschichte wäre - eine von vielen in dem noch jungen Börsenjahr.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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