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09.01.2003

08:11 Uhr

Institute hoffen auf geringere Kosten und neue Einnahmen

Banken propagieren neuen Aktienhandel

VonChristian Potthoff

Kleinanleger müssen sich auf eine neue Form des Aktienhandels einstellen. Die Banken wollen Wertpapiergeschäfte intern abwickeln und nicht mehr an die Börsen weiterleiten. Davon verspricht sich die krisengeplagte Kreditbranche ein neue Einnahmequelle. Ob der Privatanleger auch davon profitiert, ist unter Experten umstritten.

FRANKFURT/M. Welche Richtung die Aktienmärkte in diesem Jahr einschlagen, weiß niemand. Sicher ist aber, dass für die Börsen selbst die "Internalisierung" das Top-Thema sein wird.

Die deutschen Großbanken sowie mehrere Börsen und Broker wollen die Privatanleger für die neue Handelsform begeistern, die einen Bruch mit der gängigen Form des Aktienhandels bedeutet. Commerzbank und Dresdner Bank setzen dabei auf die Nasdaq Deutschland, die Deutsche Bank betreibt ein eigenes System und selbst die Deutsche Börse bietet die Internalisierung an.

Im Kern geht es bei der Internalisierung schlicht darum, dass Banken mit ihren Kunden handeln. Traditionell leiten die Kreditinstitute die Aufträge von Kleinanlegern in Deutschland an die Börsen weiter. Im Zuge der aus den USA stammenden Internalisierung wickeln sie die Aufträge jedoch hausintern ab. Der größte Vorteil: Sie können beim Handel an der Spanne zwischen Geld- und Briefkurs verdienen. Außerdem hoffen die Banken auf Einsparungen bei den Börsengebühren und sinkende Abwicklungskosten.

Am konsequentesten geht die Deutsche Bank vor - der Branchenprimus betreibt das Geschäft komplett im eigenen Hause. Unter dem Namen db PIP-Service können die rund 500 000 Kunden ihres Online-Arms Maxblue seit Jahresbeginn gegen ihre Bank handeln. Zuvor wurde der PIP-Service bereits mit den Kunden der Sparda-Banken und ausgewählten Maxblue-Kunden getestet. Über die Umsätze schweigt sich die Bank jedoch ebenso aus wie über die Kosten der Plattform.

Einen anderen Weg wählen die beiden übrigen Frankfurter Großbanken, die Dresdner und die Commerzbank. Beide wollen die Internalisierung auf dem Handelssystem "Supermontage" der neuen Börse Nasdaq Deutschland anbieten, die am 21. März anlaufen wird. Damit spart das Duo nicht nur die Kosten für den Aufbau einer eigenen Plattform. Die Verantwortlichen der Nasdaq sind zudem zuversichtlich, dass sie für die Internalisierung das Gütesiegel "Börsenpreis" erhalten. Dieser bleibt der Deutschen Bank verwehrt, denn der PIP-Handel ist außerbörslich - in der Praxis heißt das, dass die Kunden bei jedem Auftrag der Abwicklung im PIP-Handel zustimmen müssen.

Größter Verlierer der Internalisierung sind theoretisch die etablierten Börsen - schließlich drohen ihnen Umsatzeinbußen. Deutschlands dominierende Börse in Frankfurt hat die Gefahr erkannt und bietet den Banken daher seit September unter dem Namen Xetra Best auf der eigenen Plattform die Möglichkeit zur Internalisierung. Allerdings ist der Start wenig verheißungsvoll: Bis Ende November belief sich der wöchentliche Umsatz nach Angaben der Börse auf nur 30 Mill. Euro. "Die Volumen sind nicht so groß wie erwartet", heißt es etwa bei der Hypo-Vereinsbank (HVB), die das System nutzt. Ein Grund dafür sei, dass viele Kleinanleger limitierte Aufträge erteilten - und die können auf Xetra Best nicht gehandelt werden, denn das System ist nur für unlimitierte Aufträge gedacht. Auch die Teilnehmerzahl bleibt hinter den Erwartungen zurück. Ursprünglich hatte die Börse zum Jahreswechsel einen zweistelligen Teilnehmerkreis angepeilt. Tatsächlich machen erst fünf Häuser mit: Die Commerzbank, die HVB, die spanische Bank Santander Central Hispano und zwei kleine Maklerfirmen. Letztere fungieren lediglich als so genannte Best Executoren, das heißt sie führen Aufträge der Banken aus.

Der ohnehin dünne Orderfluss könnte bald schmelzen. Denn die Commerzbank betrachtet Xetra Best nur als Testfeld für die Nasdaq Deutschland. "Ab dem Start der Nasdaq werden wir so viele Orders wie möglich dorthin leiten", sagt Bernhard Walter, zuständig für Retailgeschäft im Investmentbanking der Commerzbank. Auch die HVB will ihren Kunden den Handel auf der Nasdaq Deutschland ermöglichen: "Es ist immer interessant, den Kunden kostengünstige Alternativen anzubieten", sagt ein Sprecher.

Die Gretchenfrage, was die neue Handelsform dem Anleger bringt, ist noch heftig umstritten. Ein Vorteil sind auf den ersten Blick die Preisgarantien der Banken. Die Deutsche Bank garantiert mindestens den Preis einer Referenzbörse - etwa Xetra. Außerdem zahlen die Maxblue-Kunden beim PIP-Handel weniger Gebühren als bei der Börsenausführung. Auf Xetra Best kann eine Order nur internalisiert werden, wenn der Preis besser ist als der Xetra-Kurs.

Dennoch bleiben viele Experten skeptisch. "Der Trend zu Internalisierung stimmt bedenklich", meint Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Wenn sich der Handel auf zu viele Banken und Börsen verteile, könnte die Spanne zwischen Geld- und Briefkurs auf Xetra und anderen "Referenzbörsen" wachsen. Für die Internalisierer wäre es dann ein leichtes, diese Preise ein wenig zu verbessern - und trotzdem wären die Kleinanleger womöglich schlechter bedient als vorher.

Ganz andere Befürchtungen hegen die Sparkassen. Sie sind zwar nicht rundweg gegen die Internalisierung, wollen dieses aber nur unter bestimmten Bedingungen zu lassen. Zudem fürchten die Kassen, dass die großen Banken langfristig anstreben könnten, nicht nur Kleinanlegerorders sondern auch die Aufträge institutioneller Anleger systematisch intern abzuwickeln. Dann, so fürchtet Lars Röh, Abteilungsdirektor beim deutschen Sparkassenverband, würden "die Börsen vollends austrocknen".

Quelle: Handelsblatt

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