Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.01.2001

20:13 Uhr

Internationale Arbeitsorganisation sorgt sich um negative Auswirkung der Internet-Revolution

Ilo fordert soziale Leitplanken für die Weltwirtschaft

VonKLAUS C. ENGELEN

GENF. Seit dem Debakel auf der letzten Welthandelskonferenz in Seattle bekommt Juan Somavia, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (Ilo), mit seinen Appellen zum globalen Dialog und zur Flankierung der Globalisierung durch den Aufbau sozialer Leitplanken für die Weltwirtschaft erheblich mehr Aufmerksamkeit. Das dürfte auch auf dem diesjährigen Davoser Weltwirtschaftsforum der Fall sein, wo die Veranstalter mit aller Dringlichkeit die Nichtregierungsorganisationen vor gewalttätigen Protesten warnen.

Somavia bringt nach Davos keine guten Nachrichten mit: Nach dem Weltbeschäftigungsbericht bleibt ein Drittel der in der Welt arbeitswilligen Menschen ohne Arbeit oder unterbeschäftigt. In der nächsten Dekade müssten auf der Welt 500 Millionen neuer Jobs geschaffen werden. Das Jahr 2000 sei mit einem Heer von 160 Million offen ausgewiesenen Arbeitslosen zu Ende gegangen, 20 Millionen mehr als im Vorjahr.

Doch möchte der Chilene mit solchen Zahlen nicht schockieren. Ihm geht es darum, die auf dem "World Economic Forum" versammelten Spitzen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft an folgendes zu erinnern: "Die Kluft zwischen den Gewinnern und Verlierern der offenen Weltmärkte, des sich verschärfenden Wettbewerbs, des immer schnelleren technologischen Wandels sowie der Cyber-Revolution wird immer größer. Die Auswirkungen auf die Arbeit sind immer dramatischer."

Ilo-Chef Somavia setzt auf globalen Dialog

Trotz der auf internationalen Wirtschaftskonferenzen nicht abreißenden Protesten der Globalisierungsgegner gibt sich der Ilo-Chef gegenüber dem Handelsblatt zuversichtlich. Er setze immer noch auf den "globalen Dialog über die Zukunft der Arbeit". Er gehe davon aus, "dass die Lücke zwischen jenen, welche die Globalisierung stoppen wollen und jenen, welche noch mehr Globalisierung für wünschenswert halten, doch noch eines Tages geschlossen werden kann."

Ihn stimme es zuversichtlich, dass heute multilaterale Entwicklungsbanken wie die Weltbank der sozialen Dimension Priorität einräumten und sich die Kooperation mit dem Internationalen Währungsfonds deutlich verbessert habe. Es mache ihm Mut, was seine Organisation bei Arbeits- und Menschenrechten erreicht habe. So habe die Ilo im Kampf gegen Kinderarbeit von vielen Seiten Unterstützung bekommen. Ferner wachse der Konsens zur Durchsetzung sozialer Arbeitsstandards auch in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Doch blieben die großen Aufgaben in den kommenden Jahrzehnten: wieder ein Gleichgewicht zwischen realer Wirtschaft und Finanzmärkten zu schaffen, dafür zu sorgen, dass der Markt für alle offen sei und dass alle Menschen davon profitierten.

Neben Geldwertstabilität sollen auch soziale Themen besprochen werden

Auch in Davos geht es dem Chilenen darum, "in den ökonomischen Diskurs einzugreifen und dafür zu sorgen, dass nicht nur über Geldwertstabilität und Shareholder Value, sondern auch über die Schaffung von Arbeitsplätzen und die soziale Flankierung von Sanierungsprogrammen geredet wird". Dabei brauche er nur auf die von der Ilo gesteckten Ziele hinzuweisen: fundamentale Arbeitsrechte, zufriedenstellende Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten, den sozialen Schutz sowie das Prinzip der Dreigliedrigkeit (Regierungen, Arbeitgebern und Gewerkschaften).

Um den globalen Dialog in Gang zu setzen, sei der Weg noch lang. "In vielen Entwicklungsländern beobachte ich immer noch eine Abwehrhaltung gegenüber Globalisierungstendenzen, ohne dass diese Länder die Entwicklung beeinflussen oder von ihr profitieren können", so Somavia. "Andererseits sehe ich bei vielen Gewinnern der Globalisierung einen eklatanten Mangel an Sensibilität und Mitgefühl für die vielen Verlierer des wirtschaftlichen Wandels." Er stelle in den Industrieländern erhebliche Widerstände fest, wenn es darum gehe, die negativen globalen Auswirkungen der Globalisierung zu lindern. Dahinter stünden handfeste Wirtschaftsinteressen.

Zudem falle es den offenen Gesellschaften im Norden sehr schwer, sich mit den Konsequenzen der Globalisierung abzufinden. Somavia: " Ich halte das System multilateraler Institutionen für die geeignete Plattform, einen globalen Dialog voranzubringen". Leider werde das multilaterale System den Herausforderungen durch die Globalisierung, wenn es um die Entwicklung integrierter Ansätze gehe, nicht gerecht, bedauert der Ilo-Chef.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×