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29.01.2003

08:23 Uhr

Internationale Konzerne bauen Geschäft mit Fünf-Sterne-Häusern aus – Deutsches Hotelgewerbe beklagt Branchenrezession

Luxushotels auch in der Flaute gefragt

VonEberhard Krummheuer

Die internationalen Hotelkonzerne Accor und Six Continents steigen trotz Flaute stärker in den deutschen Markt ein. Dabei nutzt Accor seine neue Beteiligung an der Dorint-Gruppe. Beide Konzerne setzen auf Luxushäuser. Die deutschen Hoteliers befürchten allerdings ein weiteres "grottenschlechtes" Jahr.

DÜSSELDORF. Unbeeindruckt von Irak-Krise und miserabler Konjunktur bauen zwei internationale Hotelketten ihr Angebot in Europa und speziell in Deutschland weiter aus. Der französische Konzern Accor, hier zu Lande bekannt vor allem durch seine nicht so edlen Marken Novotel, Ibis und Etap, setzt sogar gezielt auf die Luxusklasse: In den Jahren 2002 und 2003 will Europas Nummer eins in der Hotellerie 17 neue Häuser der Konzern-Topmarke Sofitel eröffnen. Auch der britische Wettbewerber Six Continents (Intercontinental, Holiday Inn) will im Luxusbereich zulegen, allerdings mit geringerem Tempo.

Gegen alle Geiz-ist-geil-Tendenzen lockt die Konzerne der deutsche Markt: "Man kann auch mit Vier- und Fünf-Sterne-Häusern gutes Geld verdienen, und das tun wir auch", sagt beispielsweise Hans-Peter Kolditz, Chef von Accor Deutschland. Obwohl sein Geschäft mit Hotelbetten konjunkturbedingt schleppend läuft, will der Konzern die bundesweit nur in Köln und Frankfurt präsente Spitzenmarke Sofitel in ein paar Monaten gleich auf einen Schlag in mehreren Städten einführen. Möglich wird das durch den Einstieg von Accor bei der deutschen Dorint-Gruppe: Deren Top-Adressen werden künftig unter dem Markennamen Dorint-Sofitel geführt. Accor war bei Deutschlands größtem, im vergangenen Jahr ins Trudeln geratenen Hotelkonzern zunächst mit 30 % eingestiegen und hat eine Option auf die vollständige Übernahme in den nächsten Jahren.

Zusammen werden es Accor und Dorint allein in Deutschland auf 360 Hotels und einen Umsatz von 1 Mrd. Euro bringen - mit völlig unterschiedlichen Kundenstrukturen: Dorint zähle 90 % deutsche Kunden, Sofitel zu 80 % internationale Klientel.

Konzern-Marketingchef Jacky Tresch sagte, bisher stehe fest, dass Spitzenhäuser wie das Berliner Dorint am Gendarmenmarkt und andere in Hamburg und München die Sofitel-Weihen erhielten. International verkauft Accor seine beste Marke gerne als Hort französischer Lebensart. In den künftigen deutschen Häusern soll sich das nach und nach in den Restaurants niederschlagen. Bereits vor der neuen Klassifizierung unter den Accor-Marken werden die Dorint-Hotels in den nächsten Wochen in den Accor-Reservierungsverbund aufgenommen - noch allerdings unter dem bisherigen Namen.

Der Wettbewerber Six Continents will einige seiner Intercontinental Hotels in Europa zu "Flaggschiff-Hotels" ausbauen. Neu eröffnet wird beispielsweise im April ein Haus in Köln mit 262 Zimmern. Verabschiedet hat sich der Konzern dagegen von zwei DDR-Hinterlassenschaften: Die Verträge für das Interconti in Leipzig, ein ehemaliges Interhotel, und für das Forum-Hotel am Alexanderplatz in Berlin würden nicht verlängert, teilte Six Continents mit. Wie andere große Hotelketten auch suchen die Briten seit längerem geeignete Immobilien für Luxushotels in München und Düsseldorf.

Parallel wollen beide Konzerne im Billig-Segment die Präsenz in Deutschland ausbauen. Accor plant 26 neue Häuser der Economy- Klasse, Six Continents will in fünf Jahren 60 Häuser der Billigklasse Express by Holiday Inn eröffnen.

Das Investmenthaus Schroder Salomon Smith Barney stuften gestern die Aktien der drei größten europäischen Hotelketten herauf: Accor, Six Continents und Hilton Group. Die Analysten schreiben dabei das Jahr 2003 wegen des immer wahrscheinlicher werdenden Irak-Kriegs für die Branche weitgehend ab, prognostizieren aber für 2004 und 2005 wieder zunehmend bessere Zahlen. Die Aktienkurse der Unternehmen legten nach der Höherbewertung zu.

Die deutsche Hotellerie sieht sich derzeit am Rande einer Branchenrezession und macht erst für die zweite Jahreshälfte wieder Zeichen der Besserung aus. Insgesamt werde 2003 nicht besser werden als das "grottenschlechte Jahr 2002", sagte der Vorsitzende des Hotelverbands Deutschlands, Fritz Dreesen, gestern in Berlin. Die Umsätze im Übernachtungsgeschäft seien 2002 um 2,3 % auf 17,4 Mrd. Euro gesunken. Die durchschnittliche Auslastung der Zimmer sank nach vorläufigen Zahlen auf knapp unter 60 Prozent. Verlierer waren vor allem Hotels in größeren Städten und in Feriengebieten. Nur Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg konnten als touristische Ziele zulegen. Die Hotellerie in der Hansestadt profitierte vor allem von den zahlreichen Musicals.

Wegen der Konjunkturflaute dürften 2003 wohl 10 000 Arbeitsplätze im deutschen Hotelgewerbe verloren gehen.Derzeit gibt es in den rund 38 400 deutschen Übernachtungsstätten noch 296 000 Vollzeitbeschäftigte. Im vergangenen Jahr verloren bereits rund 4500 Hotelangestellte ihren Job. Nach Verbandsangaben mussten 2002 rund 300 Hotels Insolvenz anmelden - ein Negativrekord.

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