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09.01.2002

08:03 Uhr

dpa BERLIN. "Das geht mir einfach zu schnell", sagt Lucrezia Wache und stoppt ihre Computer-Maus. Die 72-jährige Berlinerin ärgert sich: "Ich kriege meinen Klick nie auf den Punkt", schimpft sie. Aber aufgeben will sie auf keinen Fall. Die agile Rentnerin nimmt an einem Kurs von "Silbermedia" teil, dem nach eigenen Angaben größten Anbieter von Computer- und Internetkursen für ältere Menschen in Berlin. Über 200 Interessenten melden sich monatlich neu an. Der älteste Schüler ist 92 Jahre alt. Er hat sich eben eine eigene Homepage eingerichtet.

Deutschlandweit erobern immer mehr Menschen im höheren Lebensalter die elektronische Welt. Nach Untersuchungen von Meinungsforschern sind Menschen über 50 die am schnellsten wachsende Gruppe unter den Internetnutzen. Das Bild vom Rentner, der sich nach einem langen Berufsleben zur Ruhe setzt, stimmt immer weniger. Lebensmotto vieler ist, geistig fit zu bleiben. Auch die Scheu vor moderner Technik schwindet.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa gingen Ende 2001 bundesweit bereits 19 % aller über 50-Jährigen online. "Der Aufwärtstrend im Vergleich zu den Vorjahren ist eindeutig", sagt Projektleiterin Dorothea Winkler. 1995 stellten die über 50-Jährigen nach Angaben der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erst drei Prozent der Internetnutzer. Heute machen bei den surfenden Senioren die 50- bis 59-Jährigen mit 36 % die größte Gruppe aus. Menschen, die älter als 70 sind, begeisterten sich jedoch kaum mehr fürs Internet. Von ihnen machen nur noch vier Prozent mit.

Das Internet schafft Wege aus der gefürchteten Einsamkeit. Eine Plattform zum Gedankenaustausch bietet beispielsweise die Seite www.seniorentreff.de. Derzeit werden dort unter anderem erste Erfahrungen mit dem Euro ausgetauscht. An vielen Orten der Republik gibt es Pilotprojekte, um älteren Einwohnern den Kontakt mit den neuen Medien nahe zu bringen. In Sachsen beispielsweise zeigten Schüler der älteren Generation den Weg ins weltweite Netz.

"Viele der älteren Menschen wollen einfach Schritt halten", sagt Sibylle Meyer. Sie ist Geschäftsführerin des Berliner Instituts für Sozialforschung, das "Silbermedia" ins Leben gerufen hat. "Ältere sind mit Biss beim Lernen und geben nicht auf, bevor sie die modernen Geräte bedienen können." Nach dem Laufenlernen am PC kommt die Kür: CDs brennen, den Urlaub im Internet planen oder Information abrufen über gefragte Themen wie Konzerte, Wetter und Bücher im Netz. Positiver Nebeneffekt: Die Kurse seien eine permanente Schulung fürs Gedächtnis.

E-Mails schreiben stehe ganz oben bei den Lernvorhaben, berichtet der Berliner "Web-Master" Richard Stahl. Seiner Erfahrung nach bekommen die meisten Senioren den Computer von ihren Kindern oder Enkelkindern geschenkt. "Aber die sind dann zu ungeduldig, den Umgang zu zeigen." Viele wollten den Computer auch fürs bequeme Bankgeschäft von zu Hause aus nutzen, sagt "Silbermedia"-Chefin Meyer. Einkaufen per Mausklick sei aber nicht gefragt.

Im Computerkurs von Dozentin Heidemarie Stuhler sitzt nur ein Mann, die anderen Teilnehmer sind durchweg weiblich. Joachim Wentzcke-Herbst ist stolz auf die Rose, die er am Computer gemalt hat. Er sitze hauptsächlich wegen seiner Frau hier, sagt der 63- Jährige. Sie sei Profi am Rechner und habe ihn bislang immer gefragt, wo eigentlich das Problem sei. Nun werde er das Problem lösen.

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