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13.07.2000

17:44 Uhr

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Internettitel am Neuen Markt im Kreuzfeuer

VonA. REZMER (F. SCHÖNAUER, U. SOMMER)

Internet-Aktien sind zu Prügelknaben geworden. Wenige zu Unrecht, meinen die Experten. Gegen die US-Konkurrenz könnten sich nur einige Anbieter von Internetinfrastruktur und ausgewählte E-Commerce-Firmen behaupten. >> Kommentar: Von Todeslisten und Friedhöfen

DÜSSELDORF/FRANKFURT/M. Der Trend bei Internetaktien am Neuen Markt zeigt nach Einschätzung von Analysten weiter abwärts. Viele Unternehmen hätten zu Recht bis zu 80 % an Wert verloren. Bedenklich stimmt sie auch die Ignoranz der guten Vorgaben von der US-Wachstumsbörse Nasdaq.



Eine Bodenbildung bei Internettiteln sei noch nicht abzusehen, meint Armin Ingerl von der DGZ Deka Bank: "Aktuell gibt es keine Einstiegschancen."Karl-Wilhelm Homburg von der Bankgesellschaft Berlin rechnet im Herbst mit Kaufkursen. "Noch vor Ende des Jahres erwarten wir wieder größeren Auftrieb", meint er. Auch Hypo-Vereinsbank-Analyst Christian Lamprecht will zunächst die Halbjahreszahlen der Unternehmen abwarten.



Die aktuellen "Todeslisten" über Pleitekandidaten unter Internetfirmen hält Ingerl zwar für schlecht, weil sie schlechte Stimmung erzeugten, ohne Argumente zu liefern: "Doch die Kursverläufe der Firmen auf den Todeslisten sind überwiegend gerechtfertigt." Antonella Mei-Pochtler von der Boston Consulting Group nennt die kursierenden Todeslisten "regelrecht kriminell", weil sie Unternehmen tatsächlich zum Tode verurteilten. "Man kann nicht sagen, der B2B-Bereich (elektronischer Handel zwischen Firmen) läuft, B2C (Handel zwischen Firma und Verbrauchern) aber nicht", meint sie. Auch im B2B überlebten nur Firmen, die früh auf effiziente Kostenstrukturen achteten. Ferner haben Firmen mit einem starken Handelspartner im Hintergrund Chancen. Auf B2B rolle mittelfristig eine Konsolidierungswelle zu: "Es kann nicht 10 oder 100 Marktplätze geben." Von den jetzigen Firmen gingen jedoch längst nicht alle Pleite. Viele würden fusionieren oder übernommen.



Generell stünden viele deutsche Firmen aktuell in hartem Konkurrenz- und Preiskampf um kleine Aufträge; die großen Auftraggeber bedienten meist die US-Marktführer, meint Ingerl. Ähnlich urteilt Rolf Drees, Sprecher der Union Investment: "Zweitklassige Internetportale und der siebte oder achte Internetversand haben Schwierigkeiten, am Markt zu bestehen." Oft beschränken sich Fondsmanager daher auf die Blue Chips unter den Internetaktien wie Intershop, die nicht billig sei, aber strategisch überzeuge. "Intershop hat es als einziges Unternehmen geschafft, sein Konzept international zu vermarkten", sagt Ingerl. Er hält ferner eine kleine Position des Börsenneulings BOV, die kundenspezifische Module für die Anbindung verschlüsselter EDV ans Internet anbieten. Längerfristige Aussagen seien jedoch schwierig.



Optimistischer zeigt sich Raik Hoffmann, Fondsmanager der DWS. Einsteigen könne man bei Firmen fernab der Todeslisten, die von der Panik um die Listen zu Unrecht hinabgezogen wurden. Dazu gehören seiner Ansicht nach der Marktführer bei unternehmensspezifischer Software für E-Commerce und Online-Kundendienst, Broadvision. Dessen Software dürfte Ende des Jahres auf neuestem Stand sein. Ungerechtfertigt mieden Anleger außerdem die elektronische Stellenbörse Jobs & Adverts.



Mit einem europaweiten Portal sowie exklusiven Kooperationen mit EBay und AOL Europe traut er der Firma im margenreichen E-Anzeigengeschäft viel zu. Im Fonds hält er auch T-Online. Nach der Korrekturphase bestünden nur noch Firmen fort, bei denen sich auf absehbare Zeit Gewinne abzeichnen. Entscheidend seien ferner Marktführerschaft, ein schlüssiges Modell, Management-Erfahrung und das Einhalten eigener Prognosen. Dies erfüllen laut Homburg IT-Dienstleister Heyde, Smart-Card-Hersteller Mühlbauer, T-Online, Pixelpark und Intershop.

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