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02.01.2001

19:00 Uhr

Intershop schockiert den Markt mit einer Gewinnwarnung

Musterknabe auf Abwegen

VonTHOMAS NONNAST

Die Nachricht hat Anleger und Analysten gleichermaßen kalt erwischt: Ausgerechnet Intershop, der Musterknabe der deutschen Internet-und Softwareindustrie, überraschte zum Jahresauftakt mit einer kräftigen Umsatz- und Gewinnwarnung. Und das, obwohl das Management der Jenaer Softwareschmiede mit zusätzlichem Hauptquartier in San Francisco bis vor kurzem die schwarze Null noch fest vor Augen hatte.

Die Anleger quittierten das Wetterleuchten aus Jena mit einem Donnerschlag in Frankfurt: Innerhalb weniger Minuten brach der Kurs um über 60 % ein. Ein Kursrutsch, der selbst die nach EM.TV und dem Salami-Crash des Neuen Marktes hartgesottenen Börsianer aufschrecken lies.

Zum Desaster an der Börse haben drei Dingen beigetragen: Zum einen die schlechtere allgemeine Marktlage durch das Abflauen der Interneteuphorie sowie die nachlassende Konjunktur in den USA. Vor allen Dingen jenseits des Atlantiks wurden erhoffte Aufträge zunächst einmal in das nächste Jahr verschoben. Zum zweiten wächst die Konkurrenz bei E-Commerce-Shopsystemen, aus deren Lizenzeinnahmen Intershop den Löwenanteil seiner Erträge erwirtschaftet. Zum Dritten war es aber auch das Erschrecken der Investoren darüber, dass nach den berauschenden Höhenflügen der Kurse die Realität auch die Börsenstars von gestern nicht verschont.

Dabei wird die derzeitige Internetskepsis und die Konkurswelle bei Internetfirmen Intershop zwar treffen, doch nicht ernstlich in Gefahr bringen. Nur rund zehn bis 15 Prozent des Intershop-Umsatzes macht das Geschäft mit den so genannten "Dotcoms" aus. Der Rest der Kundenkartei liest sich wie das "Who?s who" der "Old Economy": Bosch, Daimler-Chrysler, Otto, Sony, Canon oder Bertelsmann arbeiten mit Internet-Lösungen von Intershop. Und in diesen Unternehmen werden die Ausgaben für E-Commerce-Projekte auch weiter fließen, in den meisten Fällen sogar stärker als bisher. Allerdings konzentrieren sich die Großunternehmen derzeit darauf, Prozesse wie den Einkauf von Waren und Dienstleistungen ins Internet zu verlegen. Die Softwareprodukte von Intershop sind dagegen für den Verkauf über das Internet ausgelegt.

Und in diesem Bereich hat Intershop mit Unternehmen wie Broadvision oder Art Technology starke Konkurrenten. Mit der Software "Enfinity" versucht sich Intershop deshalb in den lukrativeren Bereich der Internet-Marktplatzanbieter für Unternehmen zu schieben, doch sind die Wachstumschancen für die Jenaer in diesem Segment begrenzt. Denn dort zanken sich bereits Unternehmen wie Ariba, Commerce One, I2 und Oracle um Marktanteile. Zudem kooperiert Intershop mit Commerce One und muss daher auf den Partner Rücksicht nehmen.

Doch obwohl Intershop vor allen Dingen in den USA der Wind des Wettbewerbs nun kräftig ins Gesicht bläst, agiert das Unternehmen noch immer in einem rasanten Wachstumsmarkt, von dessen Dynamik viele Branchen der Old Economy nicht einmal träumen dürfen. Vielleicht ist es aber an der Zeit - sowohl für die Manager aus Jena als auch für Anleger und Analysten - sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Wachstumsraten von 100 Prozent pro Jahr selbst in der Internetbranche zu den Ausnahmeerscheinungen einer Aufbruchphase gehörten, die nun allmählich endet.



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