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18.02.2002

00:00 Uhr

Interview

Alberner Mythos

Microsofts Dotnet-Strategie zwingt Unternehmen keinesfalls, Teile ihrer vorhandenen Systeme auszutauschen, sagt Ashish Kumar, Technikvorstand der auf Microsoft-Architekturen spezialisierten IT-Beratung Avanade.

Herr Kumar, alle reden über Web-Services. Weshalb?

Web-Services sind für uns das heiße Thema im Moment. Es geht da weniger um HTML oder das Anzeigen von Informationen im Netz, sondern um Transaktionen und das Ausnutzen der vorhandenen Informationen innerhalb eines Unternehmens: Man macht diese Daten im Internet so verfügbar, dass andere Programme automatisch die Informationen konsumieren können. Dadurch, dass nicht mehr ein Nutzer die Informationen lesen muss, sondern sie direkt von Programm zu Programm übertragen werden, steigern sie die Wertschöpfung.

Wann werden wir den großen Durchbruch für Web-Services sehen?

Das Jahr 2002 wird vor allem der internen Integration solcher Dienste gelten. Denn hier operieren Unternehmen in einem sicheren Umfeld und müssen sich keine Sorgen machen über die Vertrauenswürdigkeit externer Nutzer. Die technischen Möglichkeiten erlauben es derzeit nicht, jemanden automatisch eindeutig zu erkennen. 2002 und 2003 wird es hier aber eine Evolution geben. Sind Unternehmen bei der internen Integration erfolgreich, wird es aufwändigere Anwendungen geben, die Firmen werden sich nach außen wenden. Die ersten Schritte werden in einem kleinen, überschaubaren System ablaufen mit Geschäftspartnern, die man kennt.

Nun versucht Microsoft in diesem Feld mit Dotnet voran zu kommen. Wer braucht Dotnet, wenn es Java gibt?

Was die Java-Mannschaft gut gemacht hat, ist der Eindruck, dass alles überall läuft. Nach meiner Erfahrung ist das aber nicht richtig. Letztlich kommt es darauf an, welchen Server man verwendet. Wenn Unternehmen A IBM nutzt, Unternehmen B Bea und die Firmen fusionieren, heißt das noch lange nicht, dass die beiden Systeme zusammenarbeiten. Das gute an Java ist: Programme laufen auf allen Betriebssystemen für Großrechner, egal ob Windows, Unix oder Linux - man hat die Option, sich ein Betriebssystem auszusuchen. Bei Dotnet ist man festgelegt auf Windows, die Wahl des Hardware-Partners ist aber vollkommen offen. Bei Dotnet hat man außerdem die Wahl der Programmiersprache, von Visual Basics bis C Sharp. Java legt die Programmiersprache fest, man hat aber die Wahl des Betriebssystems und der Hardware.

Kritiker sagen: Wer Dotnet wählt, kommt auch nicht wieder davon weg.

Der große Mythos ist, dass man im Microsoft-Universum eingeschlossen ist, wenn man Dotnet benutzt. Das ist albern. Wer Millionen aufwendet, um Anwendungen an einen IBM-Server anzupassen, wird auch nicht von heute auf morgen zu Sun oder Bea wechseln. Man ist genauso im IBM - oder Sun-Universum eingeschlossen.

Wo ist Dotnet denn Java überlegen?

Microsoft hat einen deutlichen Vorteil bei den Kosten. Wir haben den Aufbau eines Unternehmensportals analysiert. Im schlimmsten Fall war Microsoft halb so teuer wie andere Produkte, im besten Fall lagen die Kosten bei einem Zehntel derer von Konkurrenzprodukten. Denn die verwendete Hardware sind Alltagsprodukte. Wenn man Sun oder Oracle verwendet, muss man deren teurere Produkte kaufen.

Für welche Unternehmen macht es denn Sinn, auf Java zu setzen und für welche ist Dotnet eher geeignet?

Die meisten Kunden, mit denen ich spreche, machen beides. Was mehr Sinn macht für ein bestimmtes Projekt, hängt ab von der Ausgangssituation - denn meist will man eine neue Anwendung in bestehende Systeme integrieren. Wenn alle bestehenden Systeme auf IBM oder Sun basieren, ist es ein Risiko, einen neuen Bereich wie Dotnet einzuführen. Aber bei den meisten Kunden gibt es auch Windows-basierte Server. Am Ende geht es um die Fragen: Wie hoch ist mein Budget? Was will ich machen? Was können meine Entwickler? Welche Systeme will ich integrieren? Es wäre aber unklug, wenn ein Unternehmen sich ausschließlich für Dotnet oder Java entscheiden würde.

Es ist also kein Problem, Dotnet-Applikationen in ein Java-basiertes System oder eine SAP-Plattform zu integrieren?

Nein. Nur weil man Dotnet nutzen will, muss man nicht das alte Zeug rausschmeißen. Allerdings erfordert es Anpassungen - und Java-Programmierer sind immer teurer als Windows- Programmierer. Wer ein Unternehmen neu gründet, sollte sich aber zwischen Dotnet und Java entscheiden.

Wie viele Applikationen muss man denn trotzdem rauswerfen, wenn man mit Dotnet arbeiten will?

Ich würde nicht SAP ersetzen. Ein SAP-System ans Laufen zu bekommen, dauert 18 bis 24 Monate und kostet Millionen Dollar. Wenn ich ein funktionierendes System habe, würde ich mir anschauen, wie ich Verbindungen schaffe, um Dotnet-Anwendungen zu integrieren. Das Gespräch führteThomas Knüwer.

ZUR PERSON: Ashish Kumar ist Technikvorstand (CTO) von Avanade, einem Joint Venture von Microsoft und der Unternehmensberatung Accenture. Zuvor war der Brite acht Jahre lang bei Microsoft, zuletzt als General Manager der Industry Solutions Group. Avanade wurde im April 2000 gegründet und betreut heute mit 1 200 Mitarbeitern in 11 Ländern rund 400 Projekte für mehr als 250 Kunden. Hauptsitz des Unternehmens ist Seattle, in der deutschen Zentrale in Wiesbaden arbeiten 75 Angestellte. Die Beratung versteht sich als Spezialist für Technologieinfrastruktur und Systemintegration. Zwar ist Avanade Spezialist für Microsoft-Technologie und auch eine Tochter des Software-Riesen, doch pocht Kumar auf Unabhängigkeit seines Arbeitgebers: "Wir werden nicht dafür belohnt, Microsoft-Produkte zu verkaufen."

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