Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.06.2000

17:20 Uhr

Interview mit Janne Jormalainen

WAP-Service bald kostenlos

Der Handy-Markt erlebt seit einem Jahr gewaltige Veränderungen: WAP, UMTS und Bluetooth-Technik sind die Schlagworte eines Zukunftsmarkts mit gewinnträchtigem Potential. Darüber sprach Kristina Greene mit Janne Jormalainen, Vize-Präsident des Bereichs Product Marketing bei Nokia.

In den vergangenen Tagen hat Nokia sowohl in China als auch in der Türkei wichtige Verträge abgeschlossen: in China hat Nokia DSL und DSLAM-Lizensen bekommen, in der Türkei soll das Mobilnetzwerk ausgeweitet werden. Weist dies auf neue, außereuropäische Prioritäten hin ?

Jormalainen : Wir verfolgen keine spezifisch geographischen Prioritäten. Unsere Positionen sind sowohl in Asien als auch in Europa und in den USA stark, auch wenn wir uns im Moment tatsächlich sehr auf die USA und China konzentrieren. Doch das Geschäft bleibt global, zielt auf globalen Service und globale Produkte. Technisch betrachtet ist unser Augenmerk auf den Start des mobilen Internets gerichtet.

Wie bewerten Sie den chinesischen Markt ?

Jormalainen: Er hat ein enormes Wachstumspotential. Wichtig und vielversprechend für uns ist, dass die Chinesen ein sehr kleines Festnetz haben. Wir haben beobachtet, dass sich die Leute nun wie wild auf drahtlose Produkte stürzen: Der Markt wird rasant wachsen, und dies umso mehr, als die allgemeinen Wirtschaftsindikatoren nach oben schnellen. Ich glaube, dass sich die Service-Applikationen an die einzelnen Märkte anpassen werden und sich anpassen müssen. Bestimmte Anwendungen - sogenannte "Killer-Applications", die sich auf dem Markt durchsetzen und von der Konkurrenz abheben - werden in einem Land sofort Erfolg haben und in einem anderen nichts bringen. Ich bin der festen Überzeugung, dass China eine Schlüsselrolle bei der Definition dieser "Killer-Applications" spielen wird.

Was könnten diese Applikationen sein ?

Jormalainen: Wenn ich das voraussagen könnte, wäre ich ein reicher Mann. Nein, der Punkt ist, dass jeder Anwendung seine Lieblings-Applikation haben wird. Die globalen Dienste werden als Plattform im Hintergrund bleiben. Die Dienste werden sich in Zukunft den einzelnen Nutzerbedürfnissen anpassen, und nicht etwa länderspezifisch werden. Produktentwickler müssen verstärkt auf Personalisierung setzen, da jeder von uns seine Vorzüge und Prioritäten hat - ich frage immer die gleichen Börsennachrichten ab. Sie wollen Fußballergebnisse haben, oder wissen, was Ihr Lieblingsrestaurant für ein Tagesmenü bietet. Zeit ist Geld, und je schneller und gezielter der Anwender auf die gewollten Informationen zurückgreifen kann, desto öfter kommt er. Und umso besser für die Werbeindustrie.

Vor zwei Wochen präsentierte Ericsson das erste serienreife Bluetooth-Handy. Branchenkenner gehen von einem jährlichen Wachstum von mehr als 60 % aus und halten einen weltweiten Bluetooth-Umsatz von rund 37 Mill. Dollar für möglich. Ist Nokia in Verzug?

Jormalainen: Unsere Politik war es immer, Produkte nicht verfrüht anzukündigen, sondern sie gleich auf den Markt zu bringen. Dass ein bestimmtes Produkt schneller auf dem Markt ist, heißt nicht unbedingt, dass sich die Wettbewerbssituation für andere Unternehmer ändert.

Als WAP-Geräte neu im Gespräch waren, machte Nokia aber eine sehr verfrühte Ankündigung. Es hat lange gedauert, bis das Produkt auf den Markt kam, und darunter hat Nokias Image stark gelitten.

Jormalainen: Ich möchte diesen Punkt nicht weiter besprechen. Wenn neue Technologie vorgestellt wird, beinhaltet sie sozusagen ein Maß Unsicherheit, birgt Kompatibilitätsschwierigkeiten. Es stellt sich die Frage, wie die Technologie am unteren Ende der Wertkette präsentiert wird. Uns geht es vordergründig darum, den Nutzer zufriedenzustellen. Wenn die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Markteinführung eines Gerätes verschieben, ist es uns das wert. Der Fokus muss immer beim Kunden stehen - es hat keinen Sinn, Technologie allein aus Prestigezwecken vorzustellen.

Wann wird Nokia ein Bluetooth-Gerät ankündigen ?

Jormalainen: Ich glaube, wir haben uns Anfang des Jahres festgelegt. Ich will hier und jetzt keine weiteren Einzelheiten preisgeben.

Geht es bei Bluetooth nicht vielfach um sekundäre Entwicklungen? Muss der vielzitierte Kühlschrank wirklich mit dem Toaster und dem Mülleimer kommunizieren?

Jormalainen: Das erleben wir vielleicht in dreißig Jahren. Ich persönlich habe keinen Gebrauch dafür - mir ist es an einfachen, wesentlichen Diensten gelegen, wie dem Kontakt zu meiner Familie, Informationen, wenn ich unterwegs bin, wenn ich den Weg verloren habe. Ich glaube nicht, dass Küchengeräte miteinander kommunizieren müssen. Es sind diese kleinen, einfachen Dinge, die sich als "Killer Applications" herausstellen werden. In wenigen Jahren werden diese Anwendungen ausgereift sein. Durch verbesserte Anwendungen und neue multimediale Möglichkeiten wird ein beträchtlicher Wertgewinn erzielt. Das sind die Veränderungen, die die neue Technologie bringt.

Nutzungskosten sind für Kunden und Werber ein heisses Thema. Wann erwarten Sie die Einführung von WAP-Flatrate-Diensten in Europa?

Jormalainen : Tarifkonzepte ändern sich von Land zu Land und in den USA sogar von Stadt zu Stadt. Davon abgesehen bin ich mir sicher, dass der WAP-Service selbst in wenigen Jahren komplett umsonst zu haben sein wird. Dann lautet die zentrale Frage, wofür die Nutzer bereit sind, zu zahlen, und ob - und wieviel - Werbung sie akzeptieren.

Das Wireless Application Protokol zieht viel Aufmerksamkeit und Kritik auf sich. Eine wichtige Angelegenheit ist dabei das Thema Sicherheit.

Jormalainen: Ich sehe verschiedene Sicherheitsbedürfnisse. Sie sind davon abhängig, was eine Person will, was sie nutzt. Es können verschiedene Sorten von Information gefährdet sein: Daten zum Aufenthaltsort und zur Identität oder zum Konsumprofil des Nutzers - ferner stellt sich die Frage, ob ein Unbefugter das Handy und die Bankidentität nutzen könnte. Es könnten außerdem große Datenmengen in verschiedenen Transaktionsstadien entschlüsselt werden, zwischen dem Nutzer und der Bank, zwischen dem Gerät und dem Server.

Die Abrechnung für WAP-Dienste ist eine noch weitgehend unbewältigte Angelegenheit. Wie werden sich die vorhandenen Modelle nach Ihrer Einschätzung entwickeln, welche setzen sich durch ?

Jormalainen: Ich erwarte nicht, dass ein einziges Modell obsiegt - alles beruht auf der jeweiligen Anwendung und davon werden wird bald zigtausend haben. Verschiedene Dienste werden nach ebenso verschiedenen Rechnungsmodellen verlangen, wie heute auf dem Festnetz. Der Service wird die Rechnungsmodelle bestimmen, und der Markt wird die besten festhalten.

Vielen WAP-Enttäuschten erscheint UMTS als Allheilmittel - doch Marktbeobachter behaupten, dass die Technik erst in sechs bis sieben Jahren ihren Durchbruch erlebt. Wie stehen Sie dazu ?

Jormalainen : Ich sehe da überhaupt kein Problem oder auch keine Gründe, warum dieser Durchbruch später als 2002 stattfinden sollte. Jeder Anbieter will so schnell wie möglich ins Netz, Kunden für sich gewinnen, nach dem Motto "ich auch !". Das UMTS birgt ein riesiges, noch ungeahntes Potential. Bereits im Jahr 2003 werden nach unseren Berechnungen mehr Handys als PCs für den Internetzugang genutzt. Unternehmen entwickeln ständig neue Technologien. Dabei ist es wesentlich, das Netzwerk von früh an aufzubauen, um den Anlauf nicht zu verspielen. Mögen die Besten gewinnen.

Welches Nokia-Modell benutzen Sie persönlich?

Jormalainen: Ich besitze eigentlich alle, aber ich habe immer das Communicator 9110 dabei. Damit kann ich telefonieren, surfen, meine Emails abrufen und vor allem SMS-Nachrichten verschicken, und zwar sehr schnell. In dem Bereich zumindest bin ich unschlagbar !

Weitere Informationen im WAP-Special von Handelsblatt.com

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×