Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.03.2003

14:40 Uhr

Handelsblatt

Interview mit Tui-Chef: „Wir haben den Sommer nicht aufgegeben“

Der Tui-Chef Michael Frenzel über Krise, Krieg und Nachkriegszeit im europäischen Reisemarkt.

Tui

lieber zu Hause. Haben Sie auch darüber nachgedacht?

Frenzel: Nein, auf keinen Fall. Die ITB hat Signalwirkung in den Markt hinein. Wir können uns den Zeitpunkt der Messe nicht aussuchen, sollten aber durch den drohenden Krieg nicht in Panik verfallen. Ich finde es in Ordnung, dass Thomas Cook und Lufthansa wieder nach Berlin kommen. Hier nicht anzutreten ist ein völlig falsches Zeichen für die Branche.

HB: Wie steht es aktuell mit der Reiselust der Deutschen?

Frenzel: Die Buchungen für den Winter kommen oft nur eine Woche vor Reiseantritt. Sie liegen über dem Vorjahr. Ostern ist exzellent gebucht. Doch was die Buchungen für den Sommer betrifft, ist in ganz Europa derzeit Pause. Der Krieg ist in den Köpfen da. Zum Teil liegen die Buchungseingänge 20 Prozent unter Vorjahr. Doch wir haben den Sommer noch nicht aufgegeben. Wir setzen auf die Zeit nach der Irak-Krise.

HB: Wie steht es um Mallorca: Kommt die Insel wieder aus ihrem Tief?

Frenzel: Mallorca hat auf dem deutschen Markt weiter verloren. Die Buchungen sind im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent zurückgegangen. Unsere Diskussionen über das Preis- Leistungs-Verhältnis sind noch nicht überall auf der Insel angekommen. Das ist aber kein Europa-Thema. Die Gästestruktur schichtet um. Die Engländer buchen die Balearen unverändert stark; insgesamt hat die Insel weniger verloren.

HB: Aus der kleinen Tourismus-Delle ist längst eine handfeste Krise geworden. Wann kehrt die Reisebranche wieder auf den Wachstumspfad zurück?

Frenzel: Alle Studien und Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass Urlaub eine der Prioritäten auf der Ausgabenliste bleiben wird. Wir erwarten Wachstum, je nach Schätzung zwischen zwei und vier Prozent. Natürlich haben wir im Moment eine Abschwächung. Keiner von uns hat eine Kristallkugel, um zu beurteilen, ob und wie lange ein Irak-Konflikt dauert.

HB: Reichen zwei bis vier Prozent? Nach der teuren Einkaufstour durch Europas Reisebranche ist Tui mit mehr als vier Milliarden Dollar verschuldet und hat mit dem Energiegeschäft gerade einen sicheren Ergebnisbringer verkauft. Wenn die Touristik nicht bald anspringt . . .

Frenzel: Noch einmal: Ich habe keine Sorge, dass wir in einer Industrie gelandet sind, die nicht mehr wächst. Natürlich brauchen wir für ein gutes Ergebnis ein vernünftiges Marktumfeld. Man hat aber schon 2002 gesehen, dass das Ergebnis trotz massiver Marktschwäche im ersten Halbjahr recht ordentlich war. Das erwarten wir - vorbehaltlich der Frage Irak - auch für 2003.

HB: Wie erklären Sie sich das anhaltende Misstrauen in der Finanzwelt gegenüber der Tui-Aktie, die immer neue Tiefs testet?

Frenzel: Das hängt mit dem Umbau zusammen. Wir haben aus diesem Konzern in drei, vier Jahren einen völlig anderen Konzern gemacht. Von 70 000 Mitarbeitern sind 60 000 neu. Während dieser Umbauphase präsentieren Sie jedes Jahr eine andere Struktur, was immer auch Fragen der Transparenz und Vergleichbarkeit aufwirft. Wir kommen aber jetzt in eine sehr klare Struktur mit 80 Prozent Touristik und 20 Prozent Logistik. Darüber hinaus haben wir unsere Finanzkommunikation deutlich verstärkt und als einer der ersten Dax-Werte Zahlen für 2002 vorgelegt.

HB: Dennoch senken immer mehr Analysten den Daumen. Fühlen Sie sich missverstanden?

Frenzel: Das aktuelle Marktgeschehen ist übernervös und wird im Moment völlig vom Thema Irak überlagert, auch was die Einschätzung unserer Aktie angeht. Sie wird in keinem Maße unseren Entwicklungsmöglichkeiten und Potenzialen gerecht. Wir sind hervorragend aufgestellt. Wenn der Markt wieder kommt, werden wir Ergebnisse oberhalb der 600 Mill. Euro sehen. Das hat es zu früheren Preussag-Zeiten nie gegeben.

HB: Rewe-Chef Hans Reischl hat gewarnt, in der Touristik werde es nie wieder so sein, wie es war. Sehen Sie das auch so?

Frenzel: Natürlich ändert sich unser Markt. Doch wir sehen das als Herausforderung, nicht als Gefahr. Unsere Industrie wird zu neuen Formen und Produkten finden müssen. Ein Trend ist sicher die Aldisierung quer durch alle Branchen. Auch im deutschen Markt verlagert sich beim Reisen der Akzent immer stärker auf das Preis-LeistungsVerhältnis. Das kennen wir schon aus Großbritannien.

HB: Urlauber sehen in Tui vor allem den Reiseanbieter im oberen Preissegment. Kürzlich haben Sie aber auch eine eigene Billigmarke ins Gespräch gebracht. Wird sie definitiv kommen?

Frenzel: Das ist noch nicht geklärt. Sicher ist, dass wir uns im unteren Preissegment verstärken werden. Die Entscheidung wird in den nächsten drei bis sechs Monaten getroffen. Auch unser verstärktes Engagement beim Direktreise-Veranstalter Berge & Meer, der Reisen über andere Kanäle wie Tchibo-Filialen oder Tankstellen vertreibt, ist eine Antwort auf den sich ändernden Markt.

HB: Über Ihre Tochter Berge & Meer laufen angeblich bereits Verhandlungen mit Aldi. Werden Sie künftig bei Aldi Reisen anbieten?

Frenzel: Der Vertriebsweg würde zu Berge & Meer gut passen. Mehr kann ich Ihnen heute nicht sagen.

HB: Mal dahingestellt, ob es zu einem Bündnis mit Aldi kommt. Ihr Ziel muss doch sein, künftig günstiger produzieren.

Frenzel: Natürlich können Sie ein Billig-Produkt nicht in der gleichen Form produzieren wie ein Luxus-Produkt. Das ist die Herausforderung, und der stellen wir uns.

HB: Was heißt das konkret?

Frenzel: Wir müssen an allen Teilen der Kette die Kostenfaktoren optimieren. Unser Produkt muss quer durch die ganze Palette schlanker werden.

HB: Also müssen Sie im ganzen Konzern weiter sparen - mehr noch als die 111 Millionen Euro, die Sie für 2003 bisher angekündigt haben?

Frenzel: Ja, es wird sicher mehr werden. Wir schauen uns die Kostenstrukturen derzeit genau an und werden je nach Länge der Krise das machen, was vernünftig und machbar ist - auch über das hinaus, was wir bisher definiert haben.

HB: Nur im Billigflugbereich investieren und expandieren Sie weiter. Haben Sie keine Angst, mit Hapag-Lloyd-Express im Kampf gegen aggressive Billigheimer wie Ryanair nur Geld zu verlieren?

Frenzel: Mit einer durchschnittlichen Auslastung von gut 60 Prozent liegen wir für die ersten Monate über den Planungen. Wir wollen die Auslastung schrittweise steigern und im dritten Jahr bei etwa 70 Prozent liegen, um Geld zu verdienen. Der Businessplan geht auf dann 40 Flugzeuge - wenn der Markt sich so entwickelt, wie wir das erwarten.

HB: Und wenn sich das euphorische Wachstum abschwächt, wie es inzwischen viele Experten erwarten?

Frenzel: Dann wird man bremsen, aber das sehen wir im Moment nicht. So wie in den 50er-Jahren die Pauschalreise der große Trend war, entwickeln sich nun - getrieben von geändertem Verbraucherverhalten - neue, zusätzliche Muster. Unser Ziel ist es, in diesem Markt Geld zu verdienen. Das kann man nicht nach wenigen Monaten beurteilen.

HB: Sie sind Aufsichtsratschef der Deutschen Bahn. Kommen Sie, wenn Hapag-Lloyd-Express innerdeutsch und damit im Wettbewerb zum Bahnverkehr fliegt, nicht in einen Interessenskonflikt?

Frenzel: Allein von den Passagierzahlen her wird es keine dramatische Veränderung zu Lasten der Bahn geben. Wir wachsen am stärksten bei den touristischen Zielen im europäischen Ausland.

HB: Mehr noch als die Irak-Krise bremst die schwache Konjunktur die Urlaubspläne der Deutschen. Können Sie da mit der Wirtschaftspolitik der von Ihnen auch öffentlich unterstützten Bundesregierung zufrieden sein?

Frenzel: Ich erwarte Reformschritte. Und wenn ich die vielen Papiere mit Reformvorschlägen quer vergleiche, meine ich: In den Kernpunkten sind die nicht so weit auseinander. Nur, was im Ansatz richtig erkannt wird, muss jetzt auch in die Umsetzung kommen. Das hat Priorität. Ich hoffe, dass nun wirklich im März zumindest erste Reformansätze verwirklicht werden.

HB: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt gegen Sie wegen eines Untreue- Verdachts im Zusammenhang mit dem Verkauf der damaligen Tui-Konzerntochter HDW. Wie gehen Sie damit um?

Frenzel: Die Vorwürfe sind haltlos. Deshalb haben wir zu Beginn der Ermittlungen gleich unsere Kooperation angeboten. Ich bin sicher: Die ganze Sache wird sich aufklären, wir haben uns wegen des HDW-Verkaufs nichts vorzuwerfen.

HB: Immer häufiger ermitteln Staatsanwälte jetzt gegen Vorstandschefs großer Unternehmen. Hat die deutsche Wirtschaft ein neues Problem?

Frenzel: Das ist sicherlich nicht gut für das Bild der deutschen Wirtschaft, gerade vor dem Hintergrund, dass fallende Börsen, Bilanzskandale und flaue Konjunktur für einen Vertrauensverlust gesorgt haben.

HB: Die Bundesregierung plant schärfere Haftungsregelungen bei Vorständen und Management. Was heißt das für Sie?

Frenzel: Wir müssen uns darauf einstellen, dass solche Regeln in Zukunft noch strikter werden - das wird so weitergehen. Im Zweifelsfall heißt das, dass wir künftig lieber eine Ad-hoc-Mitteilung zu viel als eine zu wenig herausgeben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×