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25.01.2000

17:14 Uhr

Investor aktuell / Banken raten zur Beobachtung von Anleihen in mitteleuropäischen Währungen

Tschechien schließt mit 10-Jahres-Bonds zu Ungarn auf

Bereits im April will Tschechien eine Kronen-Anleihe mit zehnjähriger Laufzeit begeben. Der Bond gilt als Maßstab für die Euro-Konvergenz des EU-Anwärters. Mehrere Analysten empfehlen Anleihen der Region zum Kauf, wobei neuerdings ungarische 10-Jahres-Anleihen als zu teuer gelten.

jow PRAG. Der Anleihemarkt in Mitteleuropa dürfte sich einer Bullenstimmung erfreuen - angenehm für Auslandsinvestoren, problematisch für die Notenbanken, die wegen des Devisenzustroms Aufwertungen ihrer Währungen befürchten. In Ungarn hat zu Jahresbeginn bereits ein Boom eingesetzt, den selbst eine drastische Zinssenkung mittelfristig kaum zu stoppen vermag. In Polen wird ein Boom in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Tschechien wird zwar skeptischer gesehen. Doch will gerade Prag die gute Stimmung ausnutzen, um ein Rekordvolumen neuer Anleihen an den Markt bringen, darunter drei 10-jährige Kronen-Anleihen (am 14. April, 18. August und 8. Dezember 2000), die als Maßstab (Benchmark) für die Euro-Konvergenz gelten.

Anleihen aus Ungarn, Tschechien und Polen stehen zurzeit auch im Zentrum der Aufmerksamkeit mehrerer Analysten, etwa der Hamburger M.M. Warburg und der Prager Commerzbank Capital Markets (Eastern Europe). Warburg sieht in allen drei Ländern "interessante Renditen und Konvergenztrades". Unter letzterem versteht man, dass die Anleihenrenditen bei den EU-Bewerbern Ungarn, Tschechien und Polen aufgrund eines Risikozuschlags über denen deutscher Bundesanleihen liegen. Alle drei EU- und Euro-Anwärter bemühen sich um die Annäherung (Konvergenz) ihrer makroökonomischen Eckdaten an die Eurolands (Maastricht- Kriterien). Im Erfolgsfall würden die Risikoprämien (für Inflations- und Wechselkursrisiken) sinken und die realen Renditen steigen.

Aufgrund zu beobachtender immanenter Aufwertungstendenzen der Währungen - vor allem der tschechischen Krone - bieten diese Anleihen zudem die Chance von Zusatzrenditen aus einer Aufwertung gegenüber Dollar oder Euro. Zwar haben die Notenbanken Tschechiens (CNB) und Ungarns (MNB) begonnen, einer ungewollten Aufwertung entgegenzuwirken. Doch wurde der Devisenzufluss auf die lokalen Rentenmärkte nur kurz gebremst. Alexander Rauch von M.M. Warburg sieht die Länder differenziert: "Bei einem Vergleich der drei Märkte präferieren wir gegenwärtig Ungarn, dem wir Renditechancen bis zu 16 % (bei einem Zinsrückgang der 5-jährigen Staatsanleihen bis zum Jahresende um etwa 150 Basispunkte) einräumen." Tschechien biete "einen zu geringen Zinsvorteil, um die mit einem solchen Engagement verbundenen Risiken zu rechtfertigen. Nicht zuletzt die Schwierigkeiten der Minderheitsregierung, ihren Haushaltsentwurf durchzubringen, dürfte die Märkte verunsichert haben."

Polen biete "zwar derzeit den größten Renditevorteil gegenüber den europäischen Rentenmärkten, allerdings verbunden mit dem Risiko zunächst weiter steigender Zinsen. Wir erwarten aber, dass Polen zur zweiten Jahreshälfte hin, wenn der Inflationstrend nach oben gestoppt ist, der interessanteste der drei Märkte wird, weil dann nicht nur steigende Bondpreise - Renditen von 12 bis 15 % halten wir für möglich - sondern auch Währungsgewinne wahrscheinlich sind."

Inzwischen hat sich die Konstellation etwas geändert: In Prag einigten sich Minderheitsregierung und Opposition auf die lang erwartete Annahme des Budgets 2000, was dem Rentenmarkt zugute kommen müsste. In Budapest überraschte die MNB mit einer kräftigen Zinssenkung um 1,5 Prozentpunkte. Damit haben sich die Renditevorteile Ungarns vermindert. In einer Reaktion auf die ungarische Zinssenkung bezeichnete Donaldson Lufkin & Jenrette (DLF) ungarische Staatsanleihen inzwischen sogar als "prohibitiv teuer". Der 10-jährige Forint-Bonds liege nur drei Prozentpunkte über Bundesanleihen. Darin seien alle guten Nachrichten aus der Wirtschaft verkörpert. Wenig wahrscheinlich sei somit, dass sich die niedrige Rendite für längere Zeit halte. DLF verglich Ungarn mit Spanien vor dem EU-Beitritt: Dort habe die Rendite 3,5 bis 4 Prozentpunkte über Bundesanleihen gelegen. Dies sei auch für Ungarn gerechtfertigt. DLF erwartet trotz der Zinssenkung aber einen weiteren Devisenzufluss. Bei der Gegenwehr seien der MNB die Hände gebunden, da sie durch weitere Zinssenkungen ihre Inflations- und Zahlungsbilanzziele gefährde. Ähnlich sehen es die Analysten der DG Bank und der IE New York Broker Budapest.

Tschechiens Rentenmarkt sollte indes nicht unterschätzt werden. Trotz Politik-Patts stieg 1999 das Volumen gegenüber 1998 um 48,9 % auf über 1 000 Mrd. CZK (rund 28 Mrd. Euro). Durch die neuen Emissionen werden langfristige Anleihen über 48 Mrd. CZK erwartet und kurzfristige Papier (bis 1 Jahr) im Volumen von 420 Mrd. CZK. Diese Welle werde die Rendite tschechischer Bonds ebenso trimmen - wie das Anziehen der Inflation im Zuge des von nahezu allen Analysten erwarteten Wirtschaftswachstums. 5-jährige Anleihen notieren zurzeit bei einer Rendite zwischen 6,94 und 7,04 %. Die Commerzbank Capital Markets sieht in Tschechien für Fünf-Jahres-Anleihen die Rendite binnen der nächsten sechs Monate bei maximal 7,4 % - gegenüber 8,7 % in Ungarn und 11 % in Polen.

Das Gesamtvolumen ost- und mitteleuropäischer Anleihen in lokaler Währung betrug Ende September 1999 laut Commerzbank 65 Mrd. $. Davon entfielen auf Polen 45 %, auf Tschechien 28 % und auf Ungarn 20 %. Die höchsten Tagesumsätze verzeichnete Ungarn vor Tschechien und Polen.

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