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14.06.2000

19:08 Uhr

NEW YORK. Alles dreht sich um Kraft. Dies sei der wirkliche Wert des US-amerikanischen Tabakriesen Philip Morris, meint nicht nur Andrew Bischel, Chef des Investmenthauses Spare, Kaplan, Bischel & Associates. Jetzt will der Zigarettenhersteller diese starke und nicht - wie das Tabakgeschäft - mit Prozessen belastete Sparte ausbauen: Philip Morris gilt als aussichtsreichster Bieter im Kampf um den Konkurrenten Nabisco.

Analysten zweifeln an dem Wert einer solchen Transaktion für die Aktionäre. Philip Morris wird derzeit zum rund sechsfachen der Gewinne gehandelt, die die Branchenexperten für das Jahr 2000 erwarten - ein billiger Wert, obwohl der Kurs seit Jahresanfang kräftig gestiegen ist. Doch für Nabisco, den größten Kekshersteller in den USA, müsste Philip Morris gut das 27fache des Kurs-Gewinn-Verhältnisses bieten, wenn die kürzliche Übernahme der amerikanischen Bestfood durch Unilever als Maßstab gilt: "Wenn wir dieses Vielfache für den Kauf von Nabisco nehmen, kommen wir auf einen Mindestpreis von 56$ je Aktie oder insgesamt 15 Mrd.$", erläutert Jaine Mehring, Analystin bei Salomon Smith Barney. Beim derzeitigen Kurs könne Philip Morris das kaum mit Aktien bezahlen.

Ein Bietergefecht ist abzusehen. Neben Philip Morris sind dem Vernehmen nach der französische Konzern Danone und Cadbury Schweppes an Nabisco interessiert. "Es sieht so aus, als ob Philip Morris die besten Karten hat", kommentiert Paine Webber-Analyst John O'Neil. "Sie haben die tieferen Taschen und ein größeres Nahrungsmittelgeschäft in den USA als Danone, in das sie Nabisco integrieren und von dem sie Synergien abschöpfen können." Gegenwind könnte von den Nabisco-Aktionären kommen: Das Unternehmen hat sich gerade von seiner Tabaksparte R.J.R. Nabisco getrennt, um das anrüchige Tabak- vom sauberen Nahrungsmittelgeschäft zu separieren und so einen besseren Kurs zu erhalten.

Investoren honorieren die Lebensmittelsparte kaum

Bisher hatte sich Philip Morris-Chef Geoffrey Bible mit großen Übernahmen zurückgehalten - eben wegen des schwachen Kurs-Gewinn-Verhältnisses seines Konzerns. Viele Analysten halten das für richtig, zumal es den Wert kaum verbessern dürfte, wenn die Lebensmittelsparte wächst. Philip Morris ist bereits heute einer der größten Nahrungsmittel-Hersteller der Welt, und die Investoren honorieren das kaum. Analysten schätzen, dass Kraft allein 23$ pro Aktie wert sein dürfte; eine Aktie des gesamten Philip Morris-Konzerns wird derzeit für rund 27$ gehandelt. Neben Kraft besitzt der Konzern auch noch die zweitgrößte Brauerei in den USA, Miller Brewing.

Sorgenkind und gleichzeitig Quelle des Reichtums ist die Tabaksparte. Die Prozesse gegen die Tabakhersteller belasten den Kurs - da helfen auch Werbekampagnen über die sozialen Aktivitäten und die Ankündigung von brandsicheren Zigaretten wenig. Allein die bisher vereinbarten Vergleichszahlungen werden die Ergebnisse der Tabakhersteller in den kommenden 25 Jahren enorm belasten.

Die Prozesse machen immer wieder Schlagzeilen. George Mundstock, Professor für Finanzen an der University of California, sieht die Zukunft aller US-Tabakkonzerne "rosig". Zwar sei der Zigarettenkonsum zurückgegangen. Aber die Gewinne seien seit 1998 um mehr als die Hälfte gestiegen, sagte er als Gutachter der Ankläger einer Jury, die entscheiden muss, wie viel die Konzerne als Strafe für den Verkauf eines gesundheitsgefährdenden Produktes zahlen müssen. Allein Philip Morris sei mehr als 80 Mrd.$ wert. Mundstock bezieht dabei nicht nur die liquiden Mittel ein, sondern auch, was der Konzern an Krediten aufnehmen könnte, um die Strafe zu zahlen.

Der Wert der Unternehmen ist eine Schlüsselgröße in der dritten Runde einer Sammelklage gegen die Zigarettenhersteller. Eine Jury muss entscheiden, wie viel die Konzerne an den Folgen des Rauchens an Erkrankte und an ihre Angehörigen im US-Bundesstaat Florida zahlen müssen. In der zweiten Runde hatte die Jury drei Rauchern 12,7 Mill.$ zugesprochen. Hochgerechnet auf möglicherweise 300 000 Geschädigte ergibt das eine Summe von mehr als 1 Billion $. Den größten Teil davon müsste Philip Morris tragen - der Konzern beherrscht in den USA nahezu die Hälfte des Zigarettenmarktes. Doch Stanley Rosenblatt, Anwalt der Raucher, meint: "Jeder Aktienanalyst empfiehlt Ihnen Tabakaktien zum Kauf, denn es wird mindestens 100 Jahre dauern, bis dieser ganze Fall gelöst ist."

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