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17.04.2003

07:49 Uhr

Irak

Die Waffenjäger

VonDan Morse (Wall Street Journal/Bagdad)

Nach dem Ende der Kämpfe konzentrieren sich viele US-Soldaten im Irak auf die Suche nach chemischen und biologischen Kampfstoffen. Sie durchkämmen Schulen, Höhlen und Lagerhäuser. Sie finden Gewehre, Hunde und Chipstüten, aber noch keine Massenvernichtungswaffen.

Die Lagerhäuser, vor denen Captain Paul Stanton steht, sind gut gefüllt mit Süßigkeiten, Garn, Tee und Rasierschaum. Dazwischen aber finden die US-Soldaten auch sieben Sturmgewehre, und das ist der Grund, warum Stanton jetzt mit fünf irakischen Importhändlern diskutiert. In gebrochenem Englisch versuchen diese zu erklären, dass sie die Waffen dringend brauchen, um sich und ihre Ware vor Plünderungen zu schützen.

"Sie sind ein Geschäftsmann, richtig? Ich werde ihnen vier Gewehre lassen", schlägt Stanton vor. Salam Bayram, einer der Importeure besteht darauf, dass nicht einmal sieben genug seien. "Okay. Das ist der Deal. Ich lasse euch alle sieben. Aber wir werden alle Seriennummern notieren", kündigt der 29-jährige Offizier an. "Wir werden jeden Tag vorbeikommen. Wenn die Gewehre nicht mehr hier sind, werden wir Sie alle verhaften."

Stanton und seine Fallschirmjäger-Kameraden von der 101.-Airborne-Division haben den Warenhauskomplex im Zuge eines flächendeckenden Sicherungseinsatzes kontrolliert. Nun, wo die wichtigsten Kampfeinsätze vorüber sind, konzentriert sich das US-Militär im Irak auf den Schutz von Wohnhäusern und auf breit angelegte Suchaktionen. Aber Stanton und seine Leute werden nicht etwa nach feindlichen Truppen und ihren Anführern fahnden, sondern vielmehr nach Waffen, Munition und verräterischen Dokumenten. Denn: Die Amerikaner haben zwar den bewaffneten Konflikt gewonnen, aber ob sie tatsächlich als Sieger in die Geschichte eingehen werden, hängt auch davon ab, ob sie noch finden, wonach die Regierung Bush am meisten sucht: chemische oder biologische Kampfstoffe.

Bis jetzt haben die Soldaten schon nahezu alle Arten konventioneller Waffen entdeckt - die meisten in Schulgebäuden. Allein Captain Stantons Bravo-Einheit fand genug militärisches Gerät, um drei große Schwimmbecken zu füllen. Darunter sind 19 Luftabwehrsysteme, 17 Mörser-Granatwerfer und mindestens 100 000 Patronen. Die Soldaten entdeckten auch 70 Gasmasken, unzählige Uniformen und 750 Paare brandneuer Militärsocken. Nur von den gefürchteten Massenvernichtungswaffen fehlt noch immer jede Spur. "Es ist, wie wenn man eine Nadel im Heuhaufen sucht", beschreibt ein Offizier die Lage.

Vor zweieinhalb Wochen haben die 125 Soldaten der Bravo-Einheit die irakische Grenze überquert. Seitdem sind sie auf dem Weg in den Norden, sie sind durch Orte und kleine Städte gezogen wie Najaf und Karbala. In dieser Zeit ist die Truppe dreimal beschossen worden, hat aber bisher keine Verluste erlitten. Sie haben sieben Freischärler gefangen genommen, drei Zivilisten getötet und zwei weitere verwundet, einen davon lebensgefährlich.

In der Wüste krochen sie Dünen hinauf - und fanden auf der anderen Seite herumstreunende Hunde. Einmal umzingelten sie einen riesigen Steinbruch - 45 Meter tief, 460 Meter lang und 275 Meter breit - und entdeckten frische Spuren und eine Höhle. Sergeant James Boersma kletterte mit einigen Leuten rein. Nach einer Weile meldete er seinem Vorgesetzten: "Eine Kartoffelchipstüte und eine kleine Milchverpackung. Sieht so aus, als wurde hier gegessen."

Als die Soldaten über ein Feld im Süden Bagdads fuhren, entdeckten sie 400 Artilleriegranaten, eine Haubitze, einen großen BM-21-Raketenwerfer auf einem Mercedes-Transporter und einen Haufen Schießpuver, mit dem man leicht einen großen Sandkasten hätte füllen können. Sargent Lonnie Forst, daheim in Kentucky in der freiwilligen Feuerwehr tätig, entschied sich dazu, das Pulver durch Anzünden zu entsorgen. Seinen Kameraden versicherte er, keine Angst, er wisse genau, was er tue. Schließlich entzündete das Schießpuver einen viereinhalb Meter hohen Feuerball. Die linke Hand eines Soldaten fängt Feuer, leichte Verbrennungen sind die Folge. Andere Soldaten denken, ihr Truck würde brennen. Sie klettern in Panik heraus. Und die Explosion sengt auch noch die Nackenhaare Captain Stantons an. "Was zum Teufel ist hier los?", brüllt er.

Einige Stunden zuvor lotste Sergeant John Coolman zwei beschlagnahmte und mit schweren Waffen beladene Trucks durch ein Feld. Acht Soldaten fahren hinten mit, einige sitzen auf Lattenkisten mit Munition. Als Sergeant Coolman endlich das gesuchte US-Waffendepot findet, ist das leer, niemand ist da.

Eigentlich sollte ein Expertenteam für Sprengsätze hier warten. "Ich möchte das alles nicht einfach hier lassen", funkt er dem Kommando. "Ich habe hier mächtige Kanonen, über die sich sonst wahrscheinlich die örtliche Bevölkerung hermachen wird, over."

In Bagdad angekommen durchkämmt die Bravo-Einheit inzwischen ein Gebiet von sechseinhalb Quadratkilometern und trifft dabei auf immer besser gelaunte Einwohner. "Wissen Sie, wo Waffen versteckt sind?", fragte Leutnant Jeremy Ussery am Samstag einen Mann. "Tee. Wollen sie Tee? Mit Milch?", entgegnete der, bevor er ein Tablett mit vier Tassen bringt.

Nachdem Stanton und seine Truppen die Verhandlungen mit den Importhändlern beendet haben, kehren die Soldaten der Bravo-Einheit noch einmal in die Lagerhäuser zurück - und finden nur noch sechs Gewehre. Einer der Händler führt einen Soldaten zurück zu seinem Haus, um zu beweisen, dass die Waffen nicht in fremde Hände gefallen sind, obwohl ein Gewehr offensichtlich fehlt. "Sag? denen, dass dies die erste und letzte Warnung sein wird", funkt Captain Stanton ärgerlich zurück.

Der Captain selbst kommt einige Stunden später und findet alle Gewehre. Er verlässt die Leute mit einer weiteren Drohung: "Handfesseln. Gefesselt, gefesselt", sagt er. Gleichzeitig gestikuliert er so, als seien auch seine Hände derart gefesselt. Die Händler kichern. "Hätten Sie gern Tee?", fragt einer höflich. "Nein Danke", erwidert Stanton.

Die Bravo-Einheit hat nun jedes Warenhaus, jede Schule und jedes Feld durchsucht, das sich in dem Gebiet befindet. Nur Privathäuser und einige kleinere Geschäfte sind noch übrig. Doch da, versichert Captain Stanton, "werden wir nur reingehen, wenn wir wirklich glaubwürdige Hinweise auf versteckte Waffen haben".

-------------------------------------------------------------------------------- Mitarbeit: Mu-Jeung Yang

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