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18.03.2003

08:59 Uhr

Irak

Kommentar: Der Krieg

VonBernd Ziesemer (Handelsblatt)

Der Krieg gegen den Irak ist nicht mehr aufzuhalten. Spätestens seit gestern Nachmittag um 16 Uhr unserer Ortszeit war klar: Nur Saddam Hussein selbst könnte die gewaltige amerikanische Kriegsmaschinerie am Golf in den nächsten Stunden noch stoppen, wenn er sich dem letzten amerikanischen Ultimatum beugen und das Land verlassen würde.

Bernd Ziesemer ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Bernd Ziesemer ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Alle Bemühungen im Weltsicherheitsrat sind gescheitert. Einen zweiten Resolutionsentwurf aus amerikanischer, britischer und spanischer Feder wird es nicht mehr geben. Die Uno-Inspekteure verlassen das Land. Das "diplomatische Fenster ist geschlossen", ließ das Weiße Haus verlautbaren. Niemand wird es wieder öffnen können, bevor George W. Bush sein militärisches Ziel erreicht hat. Vielleicht werfen die amerikanischen Tarnkappenflugzeuge bereits ihre ersten Bomben auf irakische Führungsbunker und Radaranlagen, wenn dieser Kommentar seine letzten Leser erreicht.

Niemand kann exakt voraussagen, wie lange der amerikanische Feldzug gegen Saddam Hussein dauern, wie viele menschliche Opfer er kosten, welche Folgen in der Region er bringen und welche weltwirtschaftlichen Erschütterungen er auslösen wird. Wahrscheinlich wird der Krieg eher kurz sein und keine Katastrophen gebären. Wir können es hoffen, wissen aber können wir es nicht. Klar ist aber: Die Amerikaner können diesen Krieg nicht verlieren, sie können höchstens den Frieden danach verlieren. Und das dürfen auch diejenigen in Europa, die George Bush bis zuletzt Widerstand geleistet haben, nicht hoffen. Nicht einmal für eine Sekunde, wenn sie bei Sinnen sind.

Deshalb sollten wir spätestens jetzt beginnen, den Irak-Krieg von seinem Ende her zu denken. So schwer es uns auch aus moralischen, politischen oder völkerrechtlichen Bedenken heraus fallen mag. Die amerikanischen Militäroperationen im Nahen Osten in irgendeiner Weise zu behindern oder unsere Nato-Verpflichtungen nicht zu erfüllen kann und darf für Deutschland keine Option sein. Wir sollten alles unterlassen, was die transatlantischen Beziehungen über den jetzigen Bruchpunkt hinaus weiter belasten oder den Krieg verlängern könnte. Die Europäer müssen sich nach seinem Ende am wirtschaftlichen Wiederaufbau im Irak beteiligen, an der Demokratisierung der Region mitarbeiten und ihre eigenen Anstrengungen im weltweiten Anti-Terror-Kampf verstärken. Wer so vom Ende des Krieges her verantwortlich denkt, wird auch wissen, wie er sich in den letzten Momenten vor seinem Beginn verhalten muss.

Man konnte in den letzten Tagen oft den Satz lesen, der Beginn des Irak-Kriegs sei das "Ende der Politik". Das Gegenteil ist wahr, wie wir seit Clausewitz wissen. Für viele Deutsche mag es eine bittere Erkenntnis sein - aber eine Erkenntnis, zu der sich unsere verantwortlichen Politiker in Berlin jetzt dennoch durchringen müssen: Den politischen Widerstand gegen die USA über diese Stunde der Entscheidung hinaus zu verlängern mag moralisch für Gesinnungsethiker gerechtfertigt und für überzeugte Pazifisten sogar zwingend notwendig sein. Politisch klug aber ist es für einen Staat nicht. Und als Ultima Ratio europäischer Außenpolitik kann es nicht dienen.

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