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25.03.2003

09:26 Uhr

Irak

Kommentar: Widerstand

VonChristoph Birnbaum

Die Amerikaner müssen nun leidvoll lernen, dass das militärische Geschehen auf dem Schlachtfeld nicht ganz so verläuft, wie sie es sich vorgestellt haben. Krieg ist eben kein reines Sandkastenspiel.

Angst und Ehrfurcht ("Shock and Awe") haben die amerikanischen Militärs in diesem zweiten Golfkrieg ihre Kriegsstrategie genannt. Streichen wir einmal die Portion Psychologie, die sich schon allein hinter dieser Namensgebung für derartige Operationen verbirgt, so entspricht das, was wir in den ersten Tagen am Bildschirm vom Kriegsverlauf im Irak zu sehen bekamen, ziemlich präzise dem, was Amerikaner und Briten angekündigt haben: Bagdad wird aus der Luft bombardiert, und gleichzeitig stoßen amerikanische und britische Truppen weit in das Landesinnere vor, um in Rekordtempo auf Bagdad zu marschieren.

Das ist das, was die Amerikaner sich vorgenommen haben. Und doch hat jeder Krieg so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Nun müssen auch die Amerikaner leidvoll lernen, dass das militärische Geschehen auf dem Schlachtfeld nicht ganz so verläuft, wie sie es sich vorgestellt haben. Krieg ist eben kein reines Sandkastenspiel, in dem alles so abläuft wie in Blaupausen und Computersimulationen erdacht. Mittlerweile haben wir die ersten Opfer auf Seiten der Koalitionstruppen - im Kampf gefallene, aber vor allem auch durch Unfälle in den eigenen Reihen zu Tode gekommene Soldaten.

Auch wenn es am Sieg der Amerikaner und Briten am Ende wohl wenig Zweifel geben dürfte, weil die militärische Überlegenheit der Koalitionstruppen vor allem in der Luft, aber auch am Boden zu hoch ist, überrascht der Widerstand der irakischen Armee doch sehr. Trotz der riesigen Zerstörungskraft der Tausenden von "smart bombs" und Cruise Missiles ist der Weg nach Bagdad für Amerikaner und Briten alles andere als frei. Im Gegenteil: Es gibt schwere Kämpfe am Boden, vor allem rund um jene Städte, die die US-Vorauskommandos auf ihrem Vorstoß auf Bagdad bisher systematisch umgangen haben. Und nichts deutet darauf hin, dass diese Städte bald fallen würden oder Übergaben ausgehandelt werden könnten. Im Gegenteil: Die Bilder von massenhaft übergelaufenen Revolutionsgarden, die Golfkrieg-I-General Norman Schwarzkopf noch halfen, sucht man bisher vergebens auf dem Bildschirm.

Das heißt für den weiteren Kriegsverlauf zweierlei: Es wird für die Amerikaner bei weitem nicht ausreichen, nach der Einnahme der wichtigen Erdölfelder im Süden des Landes so schnell wie möglich vor den Toren Bagdads zu stehen. Im Gegenteil: Statt der alles entscheidenden "Schlacht um Bagdad", die die amerikanischen Truppen bisher um jeden Preis verhindern wollen, sieht jetzt vieles danach aus, dass ihnen möglicherweise sogar mehrere "Städte-Kriege" im Hinterland Bagdads und ein Guerilla-Krieg mit Überfällen aus dem Hinterhalt drohen, was für den weiteren Kriegsverlauf nichts Gutes ahnen lässt.

Das bedeutet aber auch: Der Feldzug gegen das Saddam-Regime wird, darauf stimmt Präsident George W. Bush die Amerikaner bereits seit einiger Zeit ein, länger dauern, als viele es sich zu Anfang vielleicht noch erhofft haben. Und er wird, das sagt Bush wohlweislich nicht, wahrscheinlich auch mehr Opfer fordern, als manche dies befürchtet haben. Spätestens seit dem vergangenen Wochenende wissen oder ahnen wir: Der eigentliche, der schreckliche Krieg im Irak hat jetzt erst begonnen.

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