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05.05.2003

10:09 Uhr

Iraker suchen in Massengräbern nach Verwandten

Der Tod im Wüstensand

VonMarkus Ziener

Für einen Augenblick stehen die beiden Männer dicht zusammen. Aber sie sehen sich nicht an. Turki Auda Turki und Jawad Kadhim Ali starren nur schweigend auf den Sand. Die beiden sind Väter. Und ihre Söhne sollen hier in der Wüste verscharrt sein. In diesem Moment gibt es zwischen ihnen nichts zu sagen.

BASRA. Es sind nicht mehr als zwei Senken, die sich vor den beiden auftun. Auf der einen türmen sich Geschosshülsen, die andere ist ohne besondere Kennzeichen. Sie sind eingefasst von Sandwällen, jeweils mehrere zehn Meter lang. Frische Reifenspuren zeigen an, dass vor kurzem schon andere an diesem Ort waren, draußen in der Wüste bei Basra.

Jawad ist nicht zum ersten Mal hier. Mit blauer Farbe hat er auf einem Felsen den Abzweig von der alten Straße markiert. Er hatte sich schon vor Tagen alleine vorgewagt an diesen Platz, der so viel Grauen in sich trägt. Die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, so sollen die Gefangenen in den Gruben gekniet haben. Dann waren nur noch die Salven aus den Maschinenpistolen zu hören, bevor ein Bagger die Gruben wieder zuschüttete. Der Schäfer, der all dies beobachtet hatte, versteckte sich hinter einem Sandhügel und wartete, bis die Mörder abgezogen waren. Dann versuchte er sein gefährliches Wissen zu vergessen. Vier Jahre lang, bis zum Sturz von Saddam Hussein. Jetzt erzählte er seine Geschichte.

Die beiden Väter erhielten erst vor Tagen Gewissheit über die Schicksale ihrer Söhne. Nach einem schiitischen Aufstand in Basra im März 1999 waren die beiden 18-Jährigen verhaftet worden. Nun wissen ihre Familien, dass ihre beiden Kinder in den ersten Maitagen umgebracht wurden.

Wie so viele andere fanden sich die Namen von Ghassan und Mustafa auf Listen, die nach den Bombenangriffen und dem Sturm auf die Gebäude der Polizei und Geheimdienste in der Stadt kursieren. Es sind Totenlisten. Seitdem suchen die Familien nach Antworten: Wer, wann, wo? Sie wollen das Puzzle ihrer Vergangenheit endlich zusammensetzen.

"Mindestens 200 000 Iraker werden vermisst", sagt Zam Zia-Zarifi von Human Rights Watch, die mit einem ARD-Fernsehteam des Südwestrundfunks an diesem Tag die Väter in die Wüste begleiten. "Es gibt Tausende solcher Plätze." Erst an diesem Samstag haben Experten wieder ein Grab freigelegt. In der Nähe der historischen Stadt Babylon südlich von Bagdad sollen Saddams Schergen schiitische Aufständische 1991 verscharrt haben.

Meist folgen Soldaten und Menschenrechtler Hinweisen aus der Bevölkerung. Die genaue Position wird geortet, in Grad, Minuten und Sekunden. Das Gelände vermessen und fotografiert. Zam Zia-Zarifi warnt: "Wir wollen nicht, dass Angehörige auf eigene Faust mit dem Graben beginnen." Wichtige Beweise könnten vernichtet werden. Forensik-Experten sollen deshalb die Untersuchungen leiten.

Anders als die Nato auf dem Balkan kamen Amerikaner und Briten nicht mit forensischen Teams in das eroberte Land. Und solange die Rolle der Vereinten Nationen nicht geklärt ist, fehlt auch eine Struktur, um die Fülle der Informationen über die Verschwundenen zu bündeln. "Der Irak braucht eine Wahrheitskommission wie in Südafrika oder ein unabhängiges Tribunal", sagt Zia-Zarifi.

Doch so lange will Jawad nicht warten. Man sieht ihm an, dass er am liebsten sofort zum Spaten greifen will. "Ich bin bereit, das schon jetzt zu tun", sagt der Vater, der seinen toten Sohn finden will. "Ich weiß, welche Kleidung er getragen hat, ich erkenne ihn." Zia-Zarifi bittet den 49-Jährigen um Geduld. Denn das Gelände ist übersät mit Munitionsresten, möglicherweise auch mit Minen. Wer hier in den Boden sticht, lässt sich auf ein lebensgefährliches Spiel ein. "Wir wollen dieser Tragödie nicht noch eine weitere hinzufügen."

Turki Auda Turki, der andere trauernde Vater, fuhr an diesem Morgen erstmals in seinen alten Bezirk in Basra, nach Al Khadra, wo er seiner Familie ein gutes Leben bieten wollte. Mit seinen eigenen Händen hat er das Haus gebaut, das heute nur noch ein Berg aus Schutt ist. Schutt, hingeworfener Müll und eine Palme, die überlebt hat. Nach der Verhaftung seines Sohnes geriet auch der Vater auf die Abschussliste des Regimes. Turki und seine Familie verließen ihr Haus und tauchten unter bei Freunden. Kurz danach kamen die Bagger und schoben die Wände zusammen. Seitdem klafft eine Lücke in der Häuserzeile. Aus Angst, in den Sog der Vergeltung mitgerissen zu werden, schwiegen die Nachbarn. Es war Furcht, die in Basra regierte, Furcht davor, schon bald der Nächste zu sein.

Turki verließ die Stadt. Für ein Jahr zog er mit seiner Frau und zwei seiner drei Söhne nach Bagdad. Dort verschwand er in der Anonymität, bis ihm eine Amnestie die Rückkehr in den Süden ermöglichte.

Drei Tage lang wird im neuen Haus des Turki Auda Turki getrauert. Unter der Kuppel des Zelts vor dem Haus versammeln sich die männlichen Besucher. Am zweiten Tag dringen aus dem Haus die Klagegesänge der Frauen. Turkis Frau wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Jetzt erst ist ihr Sohn Ghassan wirklich tot. Jetzt erst kann sie ihren Schmerz entlassen.

Jawad sagt: "Ich kann nicht mehr weinen. Ich habe nach vier Jahren keine Tränen mehr." Doch als er sich in der Wüste eine Zigarette aus dem Päckchen klopft und auf die Landschaft blickt, übermannt ihn der Schmerz. "Manchmal haben wir uns vorgestellt, wie es wäre, wenn unser Sohn noch am Leben wäre", sagt er. Und dann sind es noch immer nicht genug Tränen, die Jawad vergossen hat.

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