Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.03.2003

23:13 Uhr

Handelsblatt

Israelis auf der Hut

VonPierre Heumann (Handelsblatt-Korrespondent in Israel)

Die Wetterprognosen fürs Wochenende waren für die Jahreszeit außerordentlich schlecht: Regnerisch und kühl. Doch trotzdem verließen Tausende für ein paar Tage Tel Aviv. Sie befürchteten, Saddam Hussein würde wie 1991 ihre Städte mit Scud-Raketen beschießen. Als vorübergehendes Exil wählten sie das südliche Eilat oder das nördliche Galiläa. Wer es sich leisten konnte, suchte im Ausland Sicherheit.

Wer aber in Tel Aviv ausharrte, blieb auf der Hut. Obwohl Disziplin in der Regel nicht zu den Stärken der Israelis gehört, befolgten erstaunlich viele Bürger die Anweisung des Zivilschutzes, die persönliche Gasmaske stets bei sich zu haben: Im Büro, in der Schule, beim Bummel in der Stadt. Seit Kriegsausbruch gehört die hellbraune Pappschachtel mit der Gasmaske, die man an einer Plastikkordel wie eine Handtasche lässig über die Schulter hängt, zur ständigen Begleiterin. Nur in Jerusalem konnte sich die Pappschachtel nicht als Accessoire durchsetzen. Die Bewohner der "Heiligen Stadt" fühlen sich offenbar sicher.

In Tel Aviv aber behielten viele Eltern ihre Kinder zu Hause. Jeder fünfte ging nach Kriegsausbruch nicht zur Arbeit. Grosse Diskotheken und Theater blieben übers Wochenende geschlossen, weil im Ernstfall die schnelle Evakuation zu einem Chaos geführt hätte. Profitiert haben die Videotheken, die in den vergangenen Tagen ihre Umsätze um teils über 50 Prozent gesteigert haben. Wie viele Israelis hat sich auch der Korrespondent mit DVD-Scheiben eingedeckt. Sollten Raketen mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen einschlagen, würde er sich in den versiegelten Raum in seiner Wohnung zurückziehen und einen Film ansehen. Den Raum hat er vorschriftgemäss mit Plastikfolien und Klebebändern luftdicht versiegelt, um im Falle eines unkonventionellen Angriffs auf Tel Aviv kein Giftgas einatmen zu müssen. So klein das Risiko eines unkonventionellen Angriffs auch ist - sicher ist sicher.

Das Vorrücken amerikanischer Truppen in den Westen des Irak beruhigt zwar die Besorgten Tel Aviver. Aus dieser Gegend, die jetzt offenbar von den USA kontrolliert wird, hatte Saddam Hussein während des ersten Golfkriegs vor 12 Jahren 39 Scudraketen auf Israel abgeschossen. Doch weil am Sonntag noch keine Entwarnung durchgegeben wurde, gingen auch gestern die Kinder mit der Gasmaske zur Schule. Noch kehrt die Routine nicht zurück. Aber, Gott sei Dank, die Sonne scheint wieder. Die Meteorologen hatten sich getäuscht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×