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29.01.2002

20:00 Uhr

Italienischer Ableger Ipse von Entzug der Lizenz bedroht

Telefónica droht neues UMTS-Unheil

VonS. Kersting (M. Berni und E. Feislachen)

Die spanische Telefónica stellt ihre Europastrategie in Frage. Nach den Startschwierigkeiten in Deutschland erwägt der Konzern, seine Aktivitäten in Italien auf Eis zu legen. Er riskiert damit den Verlust der UMTS-Lizenz.

MAILAND/MADRID. Spaniens größter Telekomkonzern Telefónica S.A. überprüft seine Expansionspläne in Europa: Die italienische Mobilfunkbeteiligung Ipse 2000 wird auf einer am Mittwoch (30.) stattfindenden Verwaltungsratssitzung voraussichtlich ihre Aktivitäten einfrieren. Grund dafür sind die unsicheren Perspektiven der neuen Mobilfunktechnik UMTS sowie große Uneinigkeit innerhalb der Aktionäre, heißt es in Unternehmenskreisen. Mit diesem Schritt riskiert die Gesellschaft, ihre Lizenz zu verlieren, für die sie immerhin 3,27 Mrd. Euro ausgegeben hat.

Dem Fehlschlag in Italien ist bereits ein missglückter Marktstart der deutschen Tochter Quam vorausgegangen. Das Mobilfunk-Engagement der Tochter Telefónica Móviles S.A. in Europa wird damit immer mehr zu einem Abenteuer. Insgesamt haben die Spanier in Europa in fünf Ländern UMTS-Lizenz erworben: Neben Italien, Deutschland und Spanien haben sie eine Beteiligung in Österreich und der Schweiz. Die Auslands-Strategie der Spanier gilt in der Branche als riskant: Denn nur in der Heimat hat Telefónica eine eigene Kundenbasis.

Telefónicas Partner in Deutschland und Italien ist die finnische Sonera. Die Spanier sind mit gut 40 Prozent größter Anteilseigner am Konsortium Ipse, an dem noch der Industrieriese Fiat und andere Investoren beteiligt sind. Ein Sprecher von Telefónicas Mobilfunktochter bestätigte dem Handelsblatt, es werde Gespräche über die Zukunft von Ipse geben. Die Vermutung, Telefónica habe bereits mit Italien abgeschlossen, wies er zurück: "Wir sprechen über sämtliche Möglichkeiten."

Aus Ipse-Unternehmenskreisen ist aber bekannt geworden, dass Telefónica nicht bereit ist, weiteres Geld in das Projekt zu stecken. Denn die italienischen Anteilseigner hätten den Plan abgelehnt, auch in Italien unter dem Namen Quam und mit der Philosophie der Spanier aufzutreten. "Das Verhältnis zwischen Telefonica und den anderen Gesellschaftern ist total verkracht", sagte eine Ipse-Managerin. Das Unternehmen riskiere die Zahlungsunfähigkeit. Sollte keine Finanzhilfe kommen, könnten im Februar die Gehälter der Mitarbeiter nicht mehr bezahlt werden. Noch offen ist zudem die dritte Tranche für die UMTS-Lizenz in Höhe von 830 Mill. Euro.

Unter Marktbeobachtern haben sich die Zweifel an Telefónicas Europa-Strategie verstärkt. Das Urteil von Franz Rudolf von der Hypovereinsbank entspricht der Ansicht vieler Kollegen: "Telefónicas europäische UMTS-Strategie außerhalb Spaniens ist ein Schwachpunkt." Vor allem das Deutschland-Engagement sehen die Experten angesichts von sechs UMTS-Lizenznehmern sehr kritisch. "Wir sind pessimistisch, was Telefónicas Fähigkeiten angeht, Marktanteile in Deutschland zu gewinnen", schreiben die Analysten der spanischen Großbank BBVA Bolsa. Immerhin wollen Telefónica und Sonera in Deutschland die Aufträge für den Aufbau des UMTS-Netzes schon sehr bald vergeben, heißt es. In Italien, Österreich und der Schweiz steht selbst das aus. Die Schweizer Tochter hält aber an ihren Plänen fest: Man werde die Auflage erfüllen und bis Ende dieses Jahres 20 % der Schweizer Bevölkerung mit dem Standard UMTS versorgen.

Telefónica gilt als Spanien- und Lateinamerika-Spezialist. In diesen Regionen läuft das Geschäft - trotz der Krise in Argentinien. Mit einer Nettoverschuldung von rund 30 Mrd. Euro steht Telefónica zudem besser da als der Rest der Branche. Genau das jedoch bringt den Vorstandschef César Alierta, der zuletzt auch wegen mutmaßlicher Insider-Geschäfte seiner Familie unter Druck geraten war, in die Kritik: Alierta habe Chancen verpasst und sei in neuen Märkten zu wenig aggressiv. Auch im defizitären Medien-Bereich müsse etwas geschehen. Dass Telefónica auch einen Verkauf der lukrativen holländischen TV-Produktionsfirma Endemol ("Big Brother") an die RTL-Group erwägt, weisen die Spanier bislang jedoch zurück.

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