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08.04.2003

08:11 Uhr

IWF bemängelt dünne Kapitaldecke der amerikanischen Institute

US-Baufinanzierern droht Belastungsprobe

VonKlaus C. Engelen (Tobias Moerschen)

Das Geschäft gilt als grundsolide. Hinzu kommt eine Top-Bonität. Doch wenn der US-Immobilienmarkt kippen sollte, könnten die großen US-Baufinanzierer massive Probleme bekommen.

NEW YORK. Der lange Boom des Immobilienmarkts nähert sich offenbar dem Ende. Die Immobilienverkäufe sinken, die Nachfrage stockt, die Zahl der Zwangsvollstreckungen steigt. Auch wenn die Indizienlage noch nicht völlig eindeutig ist (s. Bericht rechts oben), machen sich einige Fachleute bereits Gedanken, was passiert, wenn der Immobilienmarkt als eines der letzten Zugpferde der US-Wirtschaft wirklich lahmt. Der US-Notenbanker William Poole und der Internationale Währungsfonds (IWF) befürchten, dass die Struktur der US-Immobilienfinanzierung im schlimmsten Fall das gesamte Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen könnten.

Poole, der die Notenbank von St. Louis leitet, warnte, eine Trendwende würde vor allem die beiden großen US-Baufinanzierer treffen: die Federal National Mortgage Association (Fannie Mae) und die Federal Home Loan Mortgage Corporation (Freddie Mac). Die beiden privatisierten Unternehmen finanzierten - zusammen mit der rein staatlichen Government National Mortgage Association (Ginnie Mae) - 42,5 % aller privaten US-Wohnungsbaukredite im dritten Quartal 2002.

Die so genannten Agencies bieten im staatlichen Auftrag, aber ohne staatliche Garantie, günstige Baufinanzierungen an. In der Praxis reichen die US-Geschäftsbanken einen Großteil ihrer Hausbaudarlehen an Fannie Mae und Freddie Mac weiter. Die beiden finanzieren sich über hypotheken-gesicherte Anleihen (Mortgage-Backed Securities, MBS) an den Finanzmärkten. Weil Fannie und Freddie personell eng mit der US-Regierung verbunden sind, gelten ihre Bonds als fast so sicher wie Staatsanleihen. Investoren fordern nur geringe Zinsen. Entsprechend können Fannie Mae und Freddie Mac günstige Hypothekenzinsen bieten.

Das System hat sich im jahrzehntelangen US-Immobilienboom bewährt. Gleichzeitig wuchs jedoch das Geschäftsvolumen der Agencies enorm: Nach Angaben der Agentur Bloomberg hat Fannie Mae aktuell Anleihen im Wert von 580 Mrd. $ ausstehen; bei Freddie Mac sind es 517 Mrd. $. Insgesamt ist der Markt für MBS inzwischen fast so groß wie der für US-Staatsbonds und weit größer als der für Bundesanleihen

.

Angesichts dieser Größenordnungen trug Poole seine Fundamentalkritik in ungewohnt deutlicher Form vor: "Ein Problem, das diese Firmen trifft, kann in sehr kurzer Zeit sehr gravierend werden." Eine Krise könne innerhalb von "Tagen oder sogar Stunden" ausbrechen. Auch der IWF geht in seinem jüngsten Bericht zur Stabilität des weltweiten Finanzsystems auf die US-Baufinanzierer ein. Die Finanzfeuerwehr sorgt sich um die dünne Kapitaldecke von Fannie Mae und Freddie Mac.

Die Agencies unterlegen ihr Kreditportefeuille mit wesentlich weniger Eigenkapital als herkömmliche US-Geschäftsbanken. "Das ist völlig gerechtfertigt, weil wir nur in US-Hypothekenkredite investieren - die sicherste Anlageform der Welt", sagt Douglas Robinson, Sprecher von Freddie Mac. Geschäftsbanken gingen mit ihren Firmenkrediten und Auslandsengagements viel höhere Risiken ein, was eine höhere Kapitalunterlegung erfordere.

Freiwillig haben Fannie Mae und Freddie Mac dafür vorgesorgt, dass sie zur Not drei Monate lang ihre Geschäfte fortführen können, ohne frisches Geld an den Kapitalmärkten aufzunehmen. "Wir bewerten Fannie Mae und Freddie Mac als solide und ausreichend kapitalisiert", bestätigt Moody?s-Analyst John Kriz.

Selbst Kritiker Poole räumt ein, dass die beiden Agencies die gewohnten Geschäftsrisiken gut im Griff haben. Sorge bereiten ihm jedoch "nicht quantifizierbare Risiken", die unerwartet eintreten. Das Platzen einer Immobilienblase wäre so ein Risiko.

Ungeklärt ist die Frage, ob der amerikanische Staat im Ernstfall einspringen würde. Eine gesetzliche Pflicht dazu besteht nicht. Formal verfügen Fannie Mae und Freddie Mac lediglich über eine Quasi-Kreditlinie beim US-Schatzamt über je 2,25 Mrd. $. "Das ist viel zu wenig, um eine Krise an den Anleihemärkten zu beheben", sagt Poole. Dennoch gehen Investoren von einer "impliziten Staatsgarantie" für Fannie Mae und Freddie Mac aus. Eine Pleite könnte sich wohl keine US-Regierung leisten. Schließlich hatte der Staat Ende der 80er Jahre auch dem maroden Sparkassensystem mit 160 Mrd. $ aus der Klemme geholfen.

Quelle: Handelsblatt

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