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16.01.2002

19:00 Uhr

IWF und Regierung nähern sich an

In Argentinien drohen neue Unruhen

Der Internationale Währungsfonds fordert die schnelle Freigabe des Wechselkurses in Argentinien. Die Märkte trieben den freien Peso schon um die Hälfte in die Höhe. Doch der feste Parallelkurs schützt die verschuldeten Unternehmen und hilft, starke Preiserhöhungen in der extrem angespannten sozialen Lage zu vermeiden.

ang BUENOS AIRES. "Argentinien ist eine soziale Bombe", diagnostizierte Präsident Eduardo Duhalde. Zwar blieb es in Buenos Aires in den vergangenen Tagen ruhig, doch in fast allen Provinzen des Landes protestierten Tausende von Demonstranten gegen die Einfrierung ihrer ersparten Dollar in den Banken und gegen die Verzögerung bei der Auszahlung der Gehälter. Randalierer zerstörten Banken und Geschäfte, Dutzende Personen wurden verletzt.

In den nächsten Tagen dürfte sich die Situation weiter zuspitzen. Denn die Regierung hat angekündigt, noch diese Woche eine Lösung für die im Bankensystem blockierten Dollar und Peso zu finden, auf welche die Sparer seit dem 1. Dezember keinen Zugriff mehr haben. So wollte die Regierung einen Zusammenbruch durch eine massive Kapitalflucht verhindern.

Eine Liberalisierung des Finanzsystems und auch die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) geforderte Freigabe des dualen Wechselkurses ist erst dann möglich, wenn ein Großteil der Dollar-Spareinlagen und auch der Kredite in Peso umgewandelt werden. Das dürfte den Mittelstand in allen Teilen des Landes auf die Straße treiben und wie zuvor schwere Unruhen nach sich ziehen.

"Entweder die Banken fallen oder die Unternehmen." Diese Einschätzung des argentinischen Wirtschaftsministers Jorge Remes Lenicov zeigt das Dilemma, in dem sich die argentinische Regierung befindet. In der vergangenen Woche hatte die neue Regierung den Peso von seiner Eins-zu-Eins-Bindung zum Dollar abgekoppelt und einen offiziellen Wechselkurs von 1,40 Peso je Dollar für Außenhandel und Bankgeschäfte sowie einen freien Marktkurs für Devisentransaktionen der Bevölkerung eingeführt.

Damit die Banken nicht das Risiko einer schnellen Abwertung des freien Peso tragen müssen, bestimmte die Zentralbank diese Woche, dass alle Kredite über 100 000 $ zum frei floatenden Kurs in Peso umgewandelt werden. Dies träfe jedoch die Schuldner, die großen Unternehmen des Landes sowie die privatisierten Versorgungsunternehmen mit mehrheitlich spanischem und US-amerikanischen Kapital. Ihre Außenstände würden abgewertet, für viele Unternehmen würde das den Konkurs bedeuten.

Banken und Unternehmen des Landes fragten am Dienstag massiv Dollar nach und trieben damit den Pesokurs am freien Markt in die Höhe. Obwohl die devisenknappe Zentralbank zugunsten des Peso intervenierte, erhöhte sich die Differenz zwischen festem und freien Wechselkurs auf mehr als 40 %. "Der Markt weiß genau, dass die Zentralbank nicht genug Reserven hat um so zu tun, als könnte sie die Währung verteidigen", kommentiert Emilio Botto von BNP Asset Management.

Aus Furcht vor den Konsequenzen einer beschleunigten Abwertung änderte die Wirtschaftsführung noch am Dienstag die Bestimmungen für die Umwandlung der privaten Dollar-Bankenkredite, welche nunmehr zum festen Wechselkurs bedient werden dürfen. Das Tauziehen zwischen Regierung und Zentralbank um die Kredite offenbart ein Grundproblem der argentinischen Geldpolitik: Kaum einer hält es für möglich, dass Argentinien die Unabhängigkeit der Zentralbank gewährleisten kann.

Diese Befürchtung wurde nach dem Besuch des brasilianischen Zentralbankchefs Arminio Frage verstärkt, der zwei Tage in Buenos Aires bei der Ausarbeitung der Zentralbank-Charta beraten hat. Die argentinische Wirtschaftsführung prüft derzeit die Schaffung eines geldpolitischen Komitees nach dem brasilianische Modell. Dieses Komitee ist in Brasilien für die Definition der Geldmarktzinsen und des Inflationsziels zuständig und setzt sich aus Vertretern der Zentralbank sowie der Exekutive zusammen. Einen derartigen Einfluss der Regierungsvertreter auf die Geldpolitik halten Analysten in Argentinien für höchst bedenklich. Schließlich haben die Regierungen in den Jahrzehnten vor Einführung der Dollarbindung durch unverantwortliche Geldemissionen jegliches Vertrauen verspielt.

Fraga sprach sich ebenso wie Vertreter des IWF für eine baldige Loslösung vom dualen Wechselkurssystem aus. Je weiter der duale Wechselkurs auseinander driftet, desto schwieriger wird eine Freigabe der Währung. Analysten gehen davon aus, dass der Peso bis Jahresende auf bis zu 2,8 zu einem Dollar sinkt. Jedoch sind sich die Experten des Währungsfonds in Washington und die argentinische Regierung einig, dass der Freigabe des Wechselkurses eine weitgehende Umwandlung aller Banken-Aktiva und Passiva in Peso vorangehen muss.

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