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29.06.2000

19:00 Uhr

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Japanische Aktien: In der Ruhe liegt die Kraft

VonKatrin Terpitz , Tokio

Wer japanische Aktien kaufen will, sollte sich Zeit nehmen und sorgfältig auswählen. Der Reformdruck trennt bei den Firmen die Spreu vom Weizen. Innovativen Elektronikwerten werden gute Kurschancen bescheinigt.

Reingehen oder besser draußen bleiben? Weltweit sind die Anleger verunsichert über die widersprüchlichen Signale des Tokioter Aktienmarkts. Zwar steigen bei fast allen Unternehmen die Gewinne durch die Reformanstrengungen ganz deutlich. Kosteneinsparungen alleine honoriert die Börse aber nicht. Sensibilisiert durch das Platzen der Informationstechnologie-Blase schauen die Anleger nun ganz genau hin. "Investoren haben eher einzelne Bäume im Auge als den ganzen Wald", beschreibt Hideaki Tahara von Hinode Securities die Grundstimmung.

Bei den Analysten stehen derzeit Firmen hoch im Kurs, die nicht nur Personal abbauen, sondern neue Produkte entwickeln. Zu den Favoriten zählen innovative Technologieunternehmen - und zwar solche, die Hardware und Komponenten liefern, nicht aber Software. "Vor allem Elektronikfirmen profitieren von den steigenden Investitionen in Informationstechnologie", betont Yukihiko Shimada von Crédit Lyonnais.

Merrill Lynch Japan empfiehlt deshalb vor allem Toshiba, Hitachi und Kyocera. "Diese Firmen besaßen noch vor einem Jahr keine attraktiven Produkte", urteilt Chefvolkswirt Jesper Koll. "Den Internetboom hatten sie schlicht verschlafen." Heute sagt er ein Kurswachstum bis zu 30 Prozent in einem Jahr voraus.

Toshiba Corp. wird von insgesamt zwei Dritteln der Analysten zum Kauf empfohlen. Goldman Sachs zählt den Titel zu den "Highlights". Das Unternehmen habe gute Fortschritte bei der Restrukturierung gemacht und unrentable Zweige abgestoßen, betont Ken Okamura von Dresdner Kleinwort Benson. Toshiba fokussiert sich nun auf drei Kerngeschäfte: Halbleiter, digitale Medien und elektronische Dienstleistungen. Nach einem Nettoverlust werden nun wieder schwarze Zahlen angepeilt.

Nicht ganz so stark sind die Empfehlungen für Hitachi Ltd. Ken Okamura überzeugen jedoch die Reformbemühungen und technischen Innovationen, vor allem im Halbleiterbereich. Allerdings musste Hitachi die Gewinnerwartungen kürzlich leicht zurückschrauben. Dennoch rät Commerz Securities zum Kauf - wie auch 60 Prozent der Analysten.

NEC ist ebenfalls ein Liebling der institutionellen Anleger. Der Elektronikkonzern hat die Fixkosten drastisch gesenkt. Der Kurs dürfte schon in den kommenden sechs Monaten über 4 000 Yen steigen, glaubt Yukihiko Shimada von Crédit Lyonnais. Er erhofft sich viel versprechende Neuerungen vom Analystentreffen, das NEC für Anfang Juli anberaumt hat.

Kyocera Corp. ist der Titel, den die meisten Investoren in ihr Portfolio aufnehmen wollen. Dies ergab eine Umfrage der Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai Shimbun". Kyocera liefert 60 Prozent der Komponenten für den boomenden Mobilfunk, lobt Jesper Koll. Für Alex Kinmont von Morgan Stanley ist die Aktie jedoch bereits "sehr teuer".

Sony, führender Hersteller von Audio-Video-Ausrüstung, gilt eher als Anlagewert für Risikobewusste. Die populäre Playstation verkaufte sich weltweit über 20 Millionen mal. Analysten zufolge dürfte der Sony-Kurs aber in drei Monaten bis auf 8 000 Yen fallen, da hohe Investitionen anstehen. Für Yukihiko Shimada von Crédit Lyonnais ist das genau der Zeitpunkt zum Einstieg. Jesper Koll glaubt, dass die Aktie Ende März wieder auf 12 500 steigt, denn Sony sei eine "Bombenfirma". Auch UBS Warburg und Morgan Stanley geben Kaufempfehlungen.

Als weiteren Wert mit Potenzial wird Mitsubishi Heavy Industries, Ltd. (MHI) gehandelt. Auf der Beliebtheitsskala der Investoren rangiert MHI laut "Nikkei Shimbun" auf Platz neun. Noch im Dezember standen die Zeichen auf Verkauf. Japans größter Schwermaschinenbauer unterzieht sich nun einer Generalüberholung. MHI expandiert im Infrastrukturbereich in Asien. Koll schätzt, dass der Kurs bis Mitte 2001 um bis zu 30 Prozent steigen wird.

In der Automobilbranche wird man eine "riesige Überraschung" mit Nissan erleben - davon ist zumindest Jesper Koll überzeugt. Für ihn hat der siebtgrößte Autobauer der Welt die Restrukturierung mit Elan in Angriff genommen. Nach herben Verlusten hat der größte Anteilseigner Renault durchgedrückt, die Kosten bei Nissan um 20 Prozent zu senken. Merrill Lynch erwartet mittelfristig eine Verdoppelung des Kurses. Auch Deutsche Securities und ING Barings raten zum Kauf.

Weitere Favoriten der Analysten sind Versorger wie Tokyo Gas und Osaka Gas. Diese empfiehlt auch Alex Kinmont von Morgan Stanley. Masaru Koshita von Deutsche Securities rät zu Mitsumi Electric Co. Ltd. Die Aktie des zweitgrößten Herstellers elektronischer Komponenten dürfte in etwa einem Jahr auf 6 000 Yen steigen - angetrieben vom Mobilfunk- und Cable-TV-Boom. Mitsubishi Electric Corp. gilt ebenfalls als Favorit. Der Titel rangiert auf der Popularitätsliste der "Nikkei Shimbun" an zweiter Stelle. Die Reformanstrengungen und das Halbleitersegment versprechen ein kräftiges Wachstum, meint Akira Hiramine von Invesco.

Doch im Restrukturierungswettlauf wird nicht jeder mithalten können. Abgeraten wird allgemein von Bankenwerten. "Hier gibt es Probleme mit dem Profit", meint Chisato Haganuma von Nomura Securities. Goldman Sachs hat die Banken im Portfolio leicht untergewichtet. Vorerst als Verlierer betrachtet Morgan Stanley den kollabierten Informationstechnologie-Sektor. Auch Commerz Securities warnt vor Investitionen in diese Werte, die stark an die unwägbare Entwicklung der US-Börse Nasdaq gekoppelt sind.

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