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30.01.2003

08:00 Uhr

Japanische Arzneikonzerne gelten als mögliche Pharmapartner für die Leverkusener

Lipobay-Klagewelle drückt Bewertung von Bayer

Neue Schätzungen über das Ausmaß von Schadenersatzzahlungen im Fall Lipobay haben den Aktienkurs der Bayer AG fast auf ein Zehnjahrestief getrieben.

bef/shf DÜSSELDORF. In einem schwachen Marktumfeld notierte die Aktie gegen Mittag um 6 % niedriger bei 15,56 Euro, erholte sich später aber wieder etwas. Zuvor hatten Analysten der Bankengruppe HSBC mögliche Zahlungen von Bayer wegen der Rücknahme von Lipobay auf die Höchstsumme von 1,6 Mrd. $ geschätzt. Ihre Berechnungen stützen sich auf ein Gespräch mit einem US-Anwalt, der Lipobay-Kläger vertritt.

Bayer hat Lipobay im August 2001 vom Markt genommen, weil das Mittel möglicherweise starke Nebenwirkungen hat. Es wurde mit dem Tod von mehr als 100 Patienten in Verbindung gebracht, die den Blutfettsenker zusammen mit einem ähnlichen Produkt eingenommen haben. Seither ist die Zahl der Klagen gegen Bayer auf 7 400 gewachsen. In 400 Fällen hat der Konzern eigenen Angaben zufolge bisher einem außergerichtlichen Vergleich zugestimmt. Die Höhe der Zahlungen bezifferte Bayer nicht.

Nach Schätzungen des US-Anwalts Kenneth Moll wird die Gesamtzahl der Klagen zwischen 7 500 und 15 000 liegen. Bayer zahle bei Fällen mit Todesfolge an die von ihm vertretenen Kläger maximal 1,25 Mill. $ bei außergerichtlicher Beilegung. Im Schnitt habe Bayer bei den abgeschlossenen Vergleichen 250 000 $ bis 300 000 $ bezahlt. Damit lägen die Kosten für den Konzern bislang bei 120 Mill. $.

Bayer selbst wollte diese Zahlen nicht kommentieren. Die Analysten von HSBC schlossen aus den Angaben, dass auf Bayer im schlimmsten Fall Kosten von 1,6 Mrd. $ zukommen. Bislang hat Bayer keine Rückstellungen für Schadenersatz gebildet und auf seine Produktversicherung verweisen. Die soll nach Informationen aus Industriekreisen eine Summe von etwa 600 Mill. Euro abdecken.

In der Branche gilt es als ausgemacht, dass Bayer die Klagen alleine bewältigen muss und nicht in das geplantes Joint Venture im Pharmageschäft einbringen kann. Der Konzern hatte im Herbst erstmals Bereitschaft signalisiert, auf eine Mehrheitsposition in einem Joint Venture zu verzichten.

Angesichts innerbetrieblicher Widerstände und unklarer Äußerungen des Managements betrachten Analysten einen Verkauf der Pharmasparte als unwahrscheinlich. Sie gehen davon aus, dass Konzernchef Werner Wenning ein 50:50-Joint-Venture mit einem gleich starken Partner anstrebt. Nachdem Firmen wie Akzo Nobel, Altana und Schering abgewinkt haben, wurden zuletzt japanische Konzerne als mögliche Partner gehandelt.

Analyst Andreas Theisen von WestLB Panmure sieht etwa Unternehmen wie Sankyo oder Daiichi als mögliche Interessenten. Die mittelgroßen japanischen Pharmakonzerne stehen ebenfalls stark unter Druck, weil ihr Heimatmarkt kaum noch wächst und zudem immer stärker von großen amerikanischen und europäischen Pharmakonzernen besetzt wird. Abgesehen vom Marktführer Takeda verfügen japanische Pharmafirmen nur über eine schwache Basis im Ausland, um diesen Effekt zu kompensieren.

Sankyo und Daiichi erzielen noch fast vier Fünftel ihrer Erlöse in Japan. Sie könnten also durch eine Verschmelzung mit Bayer die regionale Umsatzstruktur verbessern. Zudem entspricht die Marktkapitalisierung mit 6 Mrd. $ (Sankyo) und gut 4 Mrd. $ (Daiichi) in etwa dem Wert, den Analysten Bayers Pharmasparte zubilligen. Allerdings würde eine Kombination mit japanischen Unternehmen nur begrenzte Möglichkeiten zur Kostensenkung bieten. Auch das Produktprogramm der Firmen gilt als eher schwach.

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