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19.01.2001

00:00 Uhr

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Jetzt aber Bewegung!

VonFrank G. Heide

Auch in Start-ups gilt offenbar: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Ein Beamtenwitz mit sehr langem Bart wird in der ach so quicklebendigen New Economy wiederbelebt. Das darf eigentlich nicht wahr sein. Ist es aber, laut Statistik.

In der New Economy wird das wichtigste Potenzial, die Mitarbeiter, schneller verheizt als in der Old Economy. Warum? Weil hier - das liegt in der "Natur" der Sache - noch mehr bewegungsarme Arbeit am Computer(bildschirm) stattfindet. Jeder, der seine Brötchen hauptsächlich am PC verdient, kennt das Problem. Verspannungen, Nacken- und Rückenbeschwerden, brennende, rote Augen und Kopfschmerzen. Die Symptome beklagen alle, die Ursachenbekämpfung wird - das ist nur konsequent - bislang ausgesessen. Dank flächendeckender Verbreitung von Computern verfügen heute 80 % aller Büroarbeitsplätze über einen mehr oder weniger modernen PC und firmeneigene Intranets. Damit nehmen aber die gesundheitlichen Probleme der Mitarbeiter nach einhelliger Meinung von Experten weiter zu: Die EDV erspart selbst kurze Wege (wie den ins Archiv), Telefon, E-Mail und Intranet verhindern zunehmend kleinere Ausflüge in benachbarte Abteilungen, fast alle Arbeitsgänge lassen sich ja bequem vom Stuhl aus erledigen, sogar der Drucker steht meist in Arm-Reichweite.

Dazu kommen ungesundes Fast Food, lange Arbeitszeiten, kurze Pausen und Mammutbesprechungen. Der mittägliche Gang zur Sushibude um die Ecke, zum Kaffeeautomaten, Dartsboard oder Kicker dürfte wohl ebensowenig als Gegenmaßnahme taugen wie gelegentliches Kickboard-Geschiebe oder ein Ökomüsli zum Frühstück.

Während in anderen Ländern - Beispiel Japan - Angestellte vor, während und/oder nach der Büroarbeit ein beachtliches gymnastisches Pensum leisten, können die in Deutschland nur vereinzelt auftauchenden Betriebssportgruppen da wohl kaum mithalten. Schon das Wort klingt miefig, Turnvater Jahn lässt grüßen. Und wer möchte hierzulande schon Vorturner sein, wenn er sich darauf verlassen kann, von der sich im Sitzen schindenden Mehrheit als peinlich empfunden zu werden?

Die Folgen sind verheerend, volle Wartezimmer bei guten Orthopäden sind ein deutlicher Beleg. Trotz vermeintlich leichter körperlicher Büroarbeit klagen die meisten dort Beschäftigten über Nacken- und Kopfschmerzen, Schulter-Verspannungen sowie Rückenschmerzen. Kein Wunder, denn sie verbringen laut Statistik in ihrem durchschnittlichen Berufsleben rund 80 000 Stunden im Sitzen. 80 % der Bevölkerung leidet bereits unter Kreuzschmerzen, übrigens einem der häufigsten Gründe für die Gewährung von Frührenten. Von teuren krankheitsbedingten Ausfallzeiten ganz zu schweigen.

Bei diesen Stichworten werden auch die Arbeitgeber wieder wach. Doch egal für welche Gegenmaßnahme sich der Brötchengeber - falls er überhaupt in die Gesundheit seiner Mitarbeiter investiert - auch entscheidet: Dauerhafter Erfolg kann sich nur einstellen, wenn die sitzende Mehrheit selber ein Gespür für die Risiken ihres Bewegungsmangels entwickelt. Andernfalls ändert sie ihr Verhalten nämlich nicht, und auch ein gutgemeintes Stehpult verkommt nur zur zusätzlichen Ablagefläche.

"First Mover", so heißt es in der New Economy, hätten entscheidende Vorteile. Wer sich zuerst bewegt, gibt also doch keine Witzfigur ab. Nun müsste die träge Masse, um nicht frühzeitig zu verschleißen, nur noch mehrheitlich "me too" sagen - und einfach mitmachen. Doch aller Anfang ist bekanntlich schwer. Wie kommt der Bildschirm-Arbeiter in Bewegung ? Fangt klein an. Lasst einfach nächste Woche nicht schon wieder um Mitternacht den Pizzaboten anrücken - und verlegt die After-Work-Party mal zwei Stunden nach vorn.

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