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04.01.2003

20:32 Uhr

Jetzt kommt die Kälte

Hochwasserlage entspannt sich vereinzelt

Während die Menschen in einigen deutschen Hochwassergebieten aufatmen können, ist für andere Regionen die Zeit des Bangens noch nicht vorbei: An der Mosel und in einigen fränkischen Gemeinden ging das Hochwasser am Samstag zurück. Die Pegelstände des Rheins stiegen langsamer als erwartet. Keine Entwarnung gab es im baden-württembergischen Wertheim, das sich auf ein neues Jahrhunderthochwasser einstellt.

Die Altstadt von Köln wurde vom Hochwasser verschont. Foto: dpa

Die Altstadt von Köln wurde vom Hochwasser verschont. Foto: dpa

HB/dpa HAMBURG/KÖLN/MAINZ/PRAG. An der Unstrut in Thüringen wurde wegen eines drohenden Deichbruchs der 1 000-Einwohner- Ort Leubingen evakuiert. Am Abend sollte der Damm an einem Flutkanal gesprengt werden. Auch in Teilen Bayerns und in Dresden verschärfte sich die Lage. In den kommenden Tagen können aber fast alle Regionen auf Entspannung hoffen: Statt Regen soll es allenfalls Schnee geben.

Im oberpfälzischen Naabtal wurde am Vormittag die Leiche einer 75 Jahre alten Rentnerin geborgen, teilte die Polizei mit. Die Frau war beim Zeitungsaustragen mit ihrem Rad gestürzt und in der Naab ertrunken. Die Wasserstände von Naab und Main stiegen an. Die hessischen Städte am Untermain wurden von einer Hochwasserwelle erreicht. In Frankfurt mussten Straßen gesperrt werden. Eine Brücke in die Innenstadt war nur von südlicher Seite aus begehbar. "Und die Hochwasserwelle ist noch nicht durch", hieß es vom Krisenstab.

In Rheinland-Pfalz und dem Saarland standen die Signale auf Entwarnung. Der Rhein stieg nur noch geringfügig, die Mosel fiel stark. In Rheinland-Pfalz wurde ein 71-jähriger Mann weiter vermisst, der am Freitag bei Echternacherbrück mit seinem Auto vom Fluss Sauer fortgerissen wurde. Das Fahrzeug wurde leer gefunden. Die Kölner Altstadt wird voraussichtlich von einer Flutwelle verschont bleiben, sagte ein Sprecher der Hochwasserschutzzentrale. Allerdings seien einzelne Stadtviertel im Süden überflutet worden.

Lage in Teilen Bayern noch sehr ernst

In Teilen Bayerns verschärfte sich die Lage. An der Naab stiegen die Wasserstände weiter. Besonders kritisch war es in Kallmünz, wo der Pegel bei 5,20 Meter lag - normal sind 1,50 Meter. Der historische Ortskern wurde überschwemmt, viele Einwohner waren in ihren Häusern eingeschlossen. Retter evakuierten einen Campingplatz.

Im oberfränkischen Coburg hingegen waren die starken Überschwemmungen in der Innenstadt weitgehend zurückgegangen; die meisten Straßen sollten im Laufe des Samstags wieder freigegeben werden, sagte ein Polizeisprecher. Auch im unterfränkischen Bad Kissingen wurde es besser. Nach dem schlimmsten Hochwasser seit Jahrzehnten sank der Pegel der Fränkischen Saale deutlich.

Sinkende Temperaturen hatten in der Nacht teilweise Entspannung in mehreren Hochwassergebieten Thüringens, Sachsens und Sachsen- Anhalts gebracht. Der Deutsche Wetterdienst hob seine Unwetterwarnung für die drei Länder auf. Thüringens Innenminister Andreas Trautvetter (CDU) gab am Samstagabend jedoch noch keine Entwarnung. Die Lage an der Unstrut sei weiterhin kritisch. Die Dämme in Leubingen seien komplett durchweicht. "Wenn es nicht gelingt, den Damm zu sichern, gibt es über einen Meter Wasser in bestimmten Ortsteilen", sagte er.

Deich in Thüringen vor Sprengung

Nahe dem anderen hochwassergefährdeten Thüringer Ort Oldisleben sollte am Abend der Deich an einem Flutkanal gesprengt werden. Rund 250 Hektar unbewohntes Gebiet sollen dann überflutet werden. Das Wasser stand am Abend bei 5,06 Metern und lag damit nur zehn Zentimeter unter dem bisherigen Höchststand von 1947.

Da auch die Elbe in Sachsen anschwoll, blieb es hier mancherorts kritisch. Die Landeshauptstadt richtete einen Krisenstab ein. Das sächsische Innenministerium löste Katastrophen-Voralarm aus. Davon seien alle Landkreise und kreisfreien Städte entlang der Elbe betroffen, sagte ein Sprecher der dpa.

Südlich von Magdeburg in Sachsen-Anhalt wurde am Morgen das Pretziener Wehr geöffnet. Dadurch sollte ein Drittel des Elbehochwassers um die Landeshauptstadt und den Ort Schönebeck herum durch einen Kanal geleitet werden. An der Dessauer Mulde ist am Samstag nach Ausrufung der Alarmstufe 3 mit der vorsorglichen Sicherung der Deiche begonnen worden. Diese sind nach Angaben der Stadt noch durch das August-Hochwasser geschwächt.

Jahrhunderthochwasser in Wertheim erwartet

Ein neues Jahrhunderthochwasser wurde im baden-württembergischen Wertheim erwartet. Der Höchststand werde am Montag mit vermutlich "um die 7 Meter" erreicht, sagte Sprecherin Angela Steffan. Beim letzten Jahrhunderthochwasser im Jahr 1920 war der Pegel auf 6,86 Meter gestiegen. Teile der historischen Altstadt, die am Zusammenfluss von Main und Tauber liegt, stünden zwei Meter unter Wasser.

Auch im Ausland macht Hochwasser den Menschen zu schaffen. In Tschechien war die Lage angespannt, aber "unter Kontrolle", wie Ministerpräsident Vladimir Spidla sagte. In Nordböhmen stieg die Richtung Dresden fließende Elbe stündlich um etwa vier Zentimeter.

Beim August-Hochwasser hatte sie den Pegel von 11,90 Meter erreicht. In Großbritannien und Belgien ging die Hochwasserbedrohung weiter zurück. Wie die britische Umweltagentur mitteilte, waren in der südlichen Grafschaft Surrey (bei London) noch 142 Gebäude überflutet. In Belgien waren besonders die südlichen Landesteile um die Flüsse Meuse, Ourthe und Basse-Semois von Überschwemmungen betroffen.

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