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05.02.2002

18:58 Uhr

Jiway redet schon nicht mehr über die Zukunft – Virt-X wäre ein „attraktiver Partner“

Alternative Handelssysteme kommen weiter unter Druck

VonFELIX SCHÖNAUER

Die alternativen Handelssysteme Jiway, Virt-X und Nasdaq Europe sind im vergangenen Jahr mit großen Hoffnungen in eine extrem ungünstige Börsenphase gestartet. Nun ist die Ernüchterung da. Schon wird über Übernahmen spekuliert. Jiway droht nach Ansicht von Marktbeobachtern sogar das Aus.

HB LONDON. Manche Träume enden schnell. Bei der alternativen Handelsplattform Jiway redet derzeit niemand mehr öffentlich über die Zukunft. Man befinde sich in einer "Phase der Umstrukturierung", heißt es bei der schwedischen Muttergesellschaft OM. Jiway steht nach dem Ausstieg des zweiten Großaktionärs Morgan Stanley, einem Wechsel an der Spitze und einem Jahresverlust von fast 90 Mill. mit dem Rücken zur Wand. In zwei Wochen wird der neue Jiway-Chairman Martin Cohen seinen Chefs bei OM eine neue Strategie erläutern. Fällt sie durch, dürfte das auch das Ende aller Ziele sein, jemals die "führende Kleinanlegerbörse für den grenzüberschreitenden Aktienhandel" zu werden. Die Schweizer Investment-Bank UBS Warburg rechnet nicht damit, dass die Privatkunden in den nächsten zwei Jahren eine ähnliche Euphorie entfachen werden. Insofern glaubt Analystin Simone Glass nicht, "dass Jiway eine große Perspektive hat".

So schlecht wie Jiway geht es den anderen alternativen Handelssystemen noch nicht. Doch auch sie laufen noch hinter ihren Zielen her. Die selbst ernannte europäische Blue-Chip-Plattform Virt-X kann zwar das bis Sommer angepeilte Ziel von 10 % des Volumens 600 führender europäischer Aktien noch erreichen. Doch der aktuelle Marktanteil von 8 % geht noch immer vor allem auf Aktien an der Schweizer Heimatbörse zurück.

Auch die europäische Wachstumsbörse Nasdaq liegt hinter den eigenen Ansprüchen. Sie erreicht im Schnitt nur 2 Mill. Euro Umsatz pro Tag. Im gesamten Monat Januar konnte die Euro-Nasdaq nicht einmal 5 000 Transaktionen auf ihre Systeme ziehen. Zum Vergleich: Die Londoner Börse kam im Dezember auf fast 2,3 Mill. Transaktionen. "Wir sind in einer Umstellungsphase", sagt Nasdaq Europe-CEO Michael Sanderson dem Handelsblatt. "Aber wir hoffen, dass die Zahlen in nächster Zeit besser werden." In Zukunft werde sein Institut ähnlich wie bei der angekündigten Kooperation mit der Berliner Börse vorgehen. "Wir werden weitere Deals machen, um lokalen Zugang zu bekommen", kündigte Sanderson an.

Dass die neuen Wettbewerber alle an ihrem schlechten Starttermin leiden, steht außer Frage: Jiway begann im Februar 2000, auf dem Höhepunkt der Kleinanleger-Euphorie. Auch Virt-X, seit knapp sieben Monaten dabei, kennt nur den Abschwung, ebenso die Nasdaq Europe. Doch das schlechte Umfeld ist nur ein Teil der Erklärung. Die von den "Jungen Wilden" angebotenen niedrigen Transaktionskosten müssten eigentlich gerade im Abschwung Händler begeistern. Das Virt-X-Handelssystem, so haben Schweizer Banken errechnet, bringt bei grenzüberschreitenden Transaktionen Kostenvorteile von bis zu 650 je Kauf oder Verkauf.

Tatsächlich hat Virt-X Chief Executive Antoinette Hunziker-Ebneter festgestellt, dass "der Kostendruck die Banken über einen Wechsel nachdenken lässt". Bislang jedoch, sagt Hunziker-Ebneter, sei die Bereitschaft zum Wechsel auf die Virt-X-Systeme nicht besonders hoch, "weil die Händler es nicht in ihrem Bonus spüren, wenn ihre Institute die Kosten verringern". Mit anderen Worten: Die an ein bestimmtes System gewöhnten Aktienhändler haben bislang wenig Veranlassung, sich mit dem Angebot der Newcomer zu befassen.

Frau Hunziker-Ebneter hat jedoch festgestellt, dass sich dies mitunter sehr schnell ändert. "Wenn es mit den etablierten Systemen ein Problem gibt, sehen wir einen spürbaren Anstieg der Handelsaktivität." Einen anderen Grund nennt UBS Warburg. "Die großen Investmentbanken könnten theoretisch von einem auf den anderen Tag umschwenken. Sie machen es aber nicht, weil in der Regel auf den alternativen Systemen die Liquidität fehlt ", sagt Analystin Glass. Offenbar seien die Banken mit dem Angebot der Etablierten zufrieden.

Virt-X scheint dennoch für die Zukunft am besten positioniert. Die Gesellschaft hat im September den operativen Break-Even erreicht und kann bis auf weiteres auf den Schweizer Heimatmarkt zurückgreifen. Das könnte auch andere interessieren: "Die Londoner Börse muss etwas machen", sagt der Analyst einer Investment-Bank. Mit dem Zugriff auf Virt-X würde die LSE auch den Zugriff auf den überaus attraktiven Schweizer Markt bekommen. Frau Hunziker-Ebneter sagte dazu, Virt-X wäre sicherlich ein "attraktiver Partner". Für wen, sagte sie nicht.

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